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Experten-Interview

10 Fragen an Dr. Peter Trunzer zum Thema Schmerzgedächtnis

Neueste Forschungsergebnisse bestätigen, dass sich aus lang anhaltenden Schmerzen ein sogenanntes Schmerzgedächtnis im Gehirn und im Rückenmark bilden kann. Mit dramatischen Folgen für die Patienten: Der Schmerz beeinflusst ihr gesamtes Leben, während die Ursache nur noch schwer aufzuspüren ist.

Dr. med. Peter Trunzer, Chefarzt der MediClin Kraichgau-Klinik in Bad Rappenau beantwortet 10 Fragen zum Thema Schmerzgedächtnis:

Dr. med. Peter Trunzer

1. Wie entstehen chronische Schmerzen?

Dr. med. Peter Trunzer: Chronische Schmerzen entstehen in der Regel aus einem Akut-Schmerz heraus. Werden die Ursachen eines Schmerzes nicht rechtzeitig oder zielgerichtet behandelt, kann sich dieser chronifizieren. Das heißt, der Auslöser des Schmerzes, beispielsweise eine Muskelverspannung, ist abgeheilt, die Nervenzellen senden aber weiterhin das Signal „Schmerz“ an das Gehirn.

2. Was genau ist das Schmerzgedächtnis?

Dr. med. Peter Trunzer: Neueste Forschungsergebnisse bestätigen, dass sich aus den Schmerzen ein sogenanntes Schmerzgedächtnis im Gehirn und im Rückenmark bilden kann. Dabei verändern sich durch den chronischen Schmerz die Nervenzellen (Neuronen) oder auch ganze Hirnareale. Sie erfahren eine Umprogrammierung und senden und verstärken selbstständig Schmerzsignale. Das bedeutet: Die Patienten verspüren Schmerzen, die nicht allein durch körperliche Veränderungen erklärbar sind.

3. Welche Bereiche sind bei Patienten, die zu Ihnen in Behandlung kommen, häufig betroffen?

Dr. med. Peter Trunzer: Die Patienten, die zu uns kommen, haben mittlerweile am ganzen Körper Schmerzen. Dies begründet sich darin, dass der chronische Schmerz Folgeschmerzen verursacht. Die Patienten nehmen durch die ständigen Schmerzen eine Schonhaltung ein. Sie bewegen sich weniger, und dies lässt weitere Schmerzareale im Körper entstehen, die sich leider in vielen Fällen ebenfalls chronifizieren. Damit erfolgt eine erneute Umprogrammierung von Nervenzellen zu Schmerzgeneratoren. Das Fatale ist, dass die Ursachen mittelfristig oft nicht mehr diagnostizierbar sind und die Patienten verzweifelt von Arzt zu Arzt geschickt werden. Doch die Auslöser sind schon lange nicht mehr zu finden. Nicht selten werden die Hilfesuchenden am Ende zu einem Psychologen überwiesen, der natürlich auch nicht helfen kann.

4. Wie können Betroffene lernen, Situationen die den Schmerz verstärken, selbst zu erkennen?

Dr. med. Peter Trunzer: Der Schmerz wird zum zentralen Thema der Patienten. Er beeinflusst ihr gesamtes Leben. Dies beginnt mit der Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit und endet nicht selten in der sozialen Isolation. Anhaltende Schmerzen führen zu einer Veränderung des Denkens, Erlebens und Verhaltens. Diese Abwärtsspirale gilt es zu stoppen. Ziel unseres Behandlungskonzeptes ist, den Schmerz zu reduzieren, so gut es geht. Er darf aber vor allem nicht mehr der alles beherrschende Teil des Lebens sein. In Bad Rappenau geht man noch einen Schritt weiter: durch individualisierte Behandlungskonzepte ungeübte Gehirnbereiche zu aktivieren und zugleich das Schmerzgedächtnis zu überschreiben.

Dazu gehört auch, Schmerz verstärkende Situationen zu erkennen, um diese dann zu meiden. Das ist ein sehr individueller Prozess mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Unsere Patienten führen z.B. kein Schmerz-Tagebuch, sondern eher ein Wohlfühl-Tagebuch, in dem sie festhalten, in welchen Situationen der Schmerz weniger wahrnehmbar ist.

5. Welche Ablenkungsstrategien gibt es?

Dr. med. Peter Trunzer: Jeder kennt Situationen, in denen man sich nicht wohl fühlte. Kopfschmerzen, Regelschmerz oder auch Verspannungen belasten einen. Und dann geht man mit Freundinnen ins Kino oder besucht eine Bar und verlebt einen entspannten Abend – der Schmerz wird vergessen und rückt in den Hintergrund. Diese positiven Erlebnisse sind es, die wir gemeinsam mit den Patienten suchen. Für den einen ist es Musik, sind es Freunde oder der Spaß an der Bewegung. Wir finden immer etwas!

6. Welche Entspannungstechniken können bei chronischen Schmerzen helfen?

Dr. med. Peter Trunzer: Es gibt zahlreiche Methoden, die den Patienten helfen loszulassen und damit weniger verkrampft zu sein. Neben Meditation und progressiver Muskelrelaxation empfehlen wir Biofeedback, Yoga, Qi Gong, Musiktherapie und – ein Besonderheit in unserem Haus – auch Humortherapie.

7. Es heißt, Genusstraining könne dem Schmerz positive Erlebnisse entgegensetzen – wie genau funktioniert das?

Dr. med. Peter Trunzer: Im Rahmen unseres Genusstrainings lernen die Patienten, auf ihren Körper zu hören, ein Gespür für die Erholungsbedürftigkeit des eigenen Körpers zu entwickeln. Denn nicht selten entstand der chronische Schmerz aus einer permanenten Überforderung heraus. Wir trainieren es, die Freizeit als wirklichen Erholungsraum zu nutzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das konkrete und regelmäßige Planen von angenehmen Erlebnissen.

8. Welche alternativen und physikalischen Therapien empfehlen Sie?

Dr. med. Peter Trunzer: Es ist im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes besonders wichtig, die Patienten wieder in Bewegung zu bekommen. Sport ist ein ganz zentraler Schlüssel. Bedingt durch die Schmerzen haben sich viele unserer Patienten über Jahre kaum noch bewegt. Schon ein Spaziergang führt viele an die Grenzen des Machbaren. Wir arbeiten mit Krankengymnastik, um die verkümmerten Muskeln aufzubauen und um die Sehnen zu dehnen. In der Sporthalle und bei der Wassergymnastik geht es dann um den Aufbau einer gesunden Grundkondition. Hinzu kommen verschiedene Massagetechniken sowie Wärme- oder Kältebehandlungen. Zur Schmerzbehandlung können aber auch Akupunktur und Akupressur eingesetzt werden.

9. Wann ist eine medikamentöse Behandlung wirklich nötig?

Dr. med. Peter Trunzer: Viele unserer Patienten mit einem Schmerzgedächtnis liegen auf einer Schmerzskala von 1 bis 10 (10 ist der stärkste Schmerz) bei 9 oder 10. Diese Patienten sind kaum noch therapierbar. In diesen Fällen setzen wir Schmerzmedikamente ein, um eine erste Linderung zu erreichen. Gelingt dies, können wir mit den vorab beschriebenen Therapien ansetzen und gezielt mit den Patienten arbeiten. Mild dosierte Antidepressiva oder Antiepileptika gehören zwar auch ins Repertoire – sie müssen aber sehr individuell ausgewählt und vorsichtig „eingeschlichen“  werden.

10. Neben dosierter Bewegung und medikamentöser Behandlung empfehlen Sie eine psychologisch angeleitete Verhaltenstherapie – wie genau sieht diese aus?

Dr. med. Peter Trunzer: Die Verhaltenstherapie ist von entscheidender Bedeutung. Wir holen im Rahmen unseres ganzheitlichen Ansatzes in der MediClin Kraichgau-Klinik damit die Patienten an dem Punkt ihrer Schmerzerkrankung ab, an der sie stehen. Anders gesagt, wir nehmen uns Zeit und hören zu. Dann schauen wir uns genau an, wann und wo der Schmerz begann und warum an diesem Punkt nicht rechtzeitig eingegriffen wurde. Oftmals stellt sich dabei heraus, dass unsere Patienten vielfach über ihre Grenzen hinausgegangen sind, sich beruflich oder privat ständig überfordert haben. Der Wunsch, alles richtig und perfekt machen zu wollen ist meist sehr groß. Wenn wir diese Verhaltensmuster, die oft vor Jahren erlernt wurden,  nicht aufbrechen, wird es langfristig wieder zu diesen Überforderungen kommen und wir können nicht erfolgreich gegen den Schmerz angehen.

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Erstellt von: mr

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