Leben mit Angststörungen

„Das Vertuschen kostet unheimlich viel Kraft“

Wie geht man damit um, wenn eine Panikstörung das ganze Leben auf den Kopf stellt? Romy Fischer, Autorin des Buches "Panikattacken Deluxe", hat die Erfahrung gemacht, dass Humor in vielen schwierigen Situationen eine große Hilfe sein kann. Im Interview erfahren wir, warum es für sie so wichtig ist, ihre Krankheit nicht zu vertuschen und wie das Leben mit einer Angststörung den Alltag verändert.

Romy Fischer

amicella: Für dich ist es „schön, verrückt zu sein“. Was ist das Verrückteste, das du je gemacht hast und hast du es jemals bereut?

Romy Fischer: Das Verrückteste, das ich je gemacht habe, war – je an Rosenmontag – einmal als Kuh und einmal als Biene verkleidet in den Zoo zu gehen. In Köln wäre das vielleicht normal, aber in Hannover ist das eine Sensation. Es sind schöne und lustige Bilder entstanden, die ich auf gar keinen Fall bereue. Es hat vielmehr etwas mit Mut, Spaß an der Sache, und Stolz zu tun. Bei meinem Krankheitsbild ist das nämlich keine Selbstverständlichkeit. Da möchte man lieber in der Masse untergehen, um von niemandem beobachtet zu werden. Manchmal spiele ich gerne mit dem Ausdruck „verrückt sein“, so nach dem Motto: „Ich trage durch meine Diagnose Panikstörung eh den Stempel ‚verrückt‘ mit mir herum. Dann kann ich jetzt ja machen, was ich will.“

Du sagst, dass Menschen psychische Krankheiten als schlimm empfinden, weil sie sie nicht kennen, nichts darüber wissen. Mit deinem aktuellen Buch möchtest du anderen Mut machen und schreibst in einer selbstironischen Art und Weise über Angststörungen. Hast du mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass du das Thema in „Panikattacke Deluxe – Angst & Panik? Einfach drüber lachen“ vielleicht weniger ernsthaft angehst als von einigen erwartet?

Die meisten Lesermeinungen von Betroffenen und auch Nicht-Betroffenen, die ich bislang erhalten habe, sind meinem Buch und meinem Umgang mit dieser Erkrankung sehr positiv gestimmt. Dadurch, dass ich „Standardsituationen“, die alle Betroffenen zu kennen scheinen, lustig beschreibe, verzerre und mit Ironie untermale, habe ich schon mehrfach von Leser/innen gehört, dass ihnen genau das geholfen hat, ein kleines Stück weiterzukommen – auch von Nicht-Betroffenen habe ich das schon gehört. Als Beispiel möchte ich die klassische Situation am Pfandflaschenautomaten benennen. Meistens steht er im Supermarkt immer dort, wo die Sonne im Sommer am meisten draufknallt und sich die Hitze staut. Hitze ist für viele Menschen mit Panikstörung sehr belastend, da sie sehr erschlagend wirkt und dadurch Panik schneller auslöst. Jedenfalls ist es sehr klassisch, wenn man selbst mit 5 Flaschen dort ankommt, und immer dann, wenn man selbst was abzugeben hat – und NUR DANN – stehen vor einem mindestens 7 von den Kasperköppen, die ihren 3-Jahresvorrat an Pfandflaschen angeschleppt haben. Also ist stundenlanges Schlangestehen angesagt – auch nicht gut erträglich für Betroffene. Und zu allem Überfluss klingelt bei demjenigen, der dran ist, dann auch noch das Handy. Er geht ran, wird immer langsamer mit den Flaschen und unterhält den gesamten Stadtteil damit, dass die Omma eine künstliche Hüfte bekommen hat, die Sina vom Vanilleeis kotzen muss, die Erdbeeren nicht mehr im Angebot sind und der Herbert nicht mehr mit der Uschi zusammen ist, weil sie ihn mit dem Kalle betrogen hat. Währenddessen stirbt jeder Angstpatient in Raten seinen kleinen, manchmal aber auch seinen großen, panischen Tod. Ich bekomme Zuschriften von Leser/innen, die mir sagen, sie müssen nun immer an diese oder jene von mir beschriebene Situation denken, wenn sie in derselben sind, und der Humor hilft ihnen, Kraft zu schöpfen und weniger panisch zu sein. Das ehrt mich wirklich sehr. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mit einem Buch schaffen könnte. Eine negative Kritik hatte ich bereits erhalten, bei der mir vorgehalten wurde, ich würde „nur“ beschreiben, wie ein Leben mit dieser Krankheit wäre, aber keine Lösungsansätze anbieten. Die meisten anderen Leserstimmen sagen mir aber, dass Humor oft die Lösung sein kann – wenn man sich dafür öffnet. Allerdings beschreibe ich im Einzelnen, wie ich manche Situationen des Lebens löse oder nicht löse. Dem einen oder anderen hat auch das schon geholfen. Von Nicht-Betroffenen Leser/innen habe ich schon gehört, dass sie nun betroffene Angehörige/Freunde besser nachvollziehen können und Respekt vor dieser Erkrankung gelernt haben, wo sie vorher nur ein Kopfschütteln übrig hatten.

Viele unter Angststörungen leidende Menschen versuchen, ihre Krankheit zu vertuschen. Du plädierst dafür, offen darüber zu sprechen. Hast du einen Rat für all diejenigen, die Probleme im Job oder auch im Bekanntenkreis befürchten?

Es ist schwierig, da einen Rat zu geben. Auch ich hatte es in all der Zeit nicht immer leicht – und das ist es noch heute oft nicht. Ich hatte unterschiedliche Möglichkeiten probiert. Nachdem ich nach 2 Jahren Ärztehopping und lauter (körperlicher) Fehldiagnosen endlich an einen Arzt gelang, der die richtige (psychische) Diagnose „Panikstörung“ stellte, dachte ich zunächst, dass ich damit offen umgehen könnte. Aber da musste ich mir viele dumme Sprüche von einigen anhören. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass nicht alle Menschen mit ausreichend Taktgefühl und Sensibilität gesegnet sind. Andererseits sollte sich jeder durch den Kopf gehen lassen – und das kann man auch als Argument bei evtl. aufkommenden blöden Sprüchen verwenden – dass alle Menschen so ihre Macken haben. Jeder von uns hat so seine Ticks. Keiner kann sich davon ausnehmen. Es gibt aber leider „Macken und Ticks“, die einem das Leben schwer machen können. Anstatt jemanden deshalb zu verachten, sich drüber lustig zu machen oder bei Seite zu schieben, sollte man ihn lieber weiterhin wie einen „normalen“ Menschen behandeln (was ist schon normal?) und ihn unterstützen. Denn wir sollten uns immer im Hinterkopf behalten: in dieser Hochleistungsgesellschaft, in der wir leben, in der von uns permanent 200% abverlangt wird, obwohl wir nur 100% höchstens geben können, da kann absolut jeder von uns umfallen – eine Panikattacke entsteht nämlich nicht, weil man bunte Männchen sieht, sondern aus Überforderung, Reizüberflutung, weshalb daraufhin der ganze Körper durcheinandergerät. Deswegen sollte man alle Menschen mit dem gleichen Respekt begegnen, den man selbst in so einer Situation auch erwartet. So in etwa könnte man bei evtl. aufkommenden Schwierigkeiten argumentieren.

Warum sollte man sich, trotz eventueller Schwierigkeiten, die durch dieses „Outing“ entstehen könnten, trauen mit anderen darüber zu reden?

In der Not erkennst du deine wahren Freunde. Außerdem kann „drüber sprechen“ unheimlich befreiend wirken. Zudem fällt diese Doppelbelastung weg. Das Vertuschen von panischen Zuständen, in denen der gesamte Körper quasi Amok läuft (Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, ggf. Erbrechen/Durchfall, Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Atemnot, usw…), kostet unheimlich viel Kraft, wobei die Erkrankung als solche schon unheimlich Kraft raubend ist. Und nicht alle Menschen verachten einen deswegen oder lachen drüber. Manche wissen im ersten Moment vielleicht nicht, wie sie mit einem umgehen sollen. Aber gemeinsam geht alles besser. Freundschaften können dadurch sogar auch vertieft werden – der eine ist für den anderen da, in guten und in schlechten Zeiten.

Kann es – egal ob einen selbst oder andere – nicht auch nerven, wenn die eigene „Verrücktheit“ immer wieder zum Gesprächsthema wird?

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es vielleicht Freunde und Angehörige irgendwann mal nerven kann, wenn sie hier und da immer wieder auf Grenzen stoßen. Dinge, die man sich derzeit wegen Panik (noch) nicht zutraut, weil man eben nicht so funktioniert wie andere Menschen. Andererseits kann es auch Betroffene nerven, immer wieder von anderen (Nicht-Betroffenen) zu hören, wie sie was besser schaffen könnten und dass man so und so handeln sollte und was aus einem nur werden sollte. Es ist schon richtig, dass es immer mal wieder Momente gibt, in denen es für beide Seiten nicht einfach ist. Aber wer hat gesagt, dass das Leben immer nur einfach ist? Mag sein, dass ich manchmal für andere nicht einfach bin. Dafür ist meine demenzkranke Oma für mich auch nicht immer einfach. So sind die Menschen nun einmal: komisch und nicht immer einfach.

Wie verändert eine Panikstörung, deiner Erfahrung nach, das Alltagsleben?

Es ändert sich einfach alles. Die Erkrankung stellt das ganze Leben auf den Kopf. Es beginnt zunächst damit, dass die meisten Betroffenen Menschenmassen meiden und somit kulturelle Großveranstaltungen wie Konzerte, Theater. Weihnachtsmarkt, sonstige Volksfeste, ggf. sogar Kino komplett flach fallen, oder aber nur unter größten Beschwerden angegangen werden können. Wenn man ganz großes Pech hat, zieht sich die Erkrankung wie ein roter Faden weiter durchs Leben, so dass man große Schwierigkeiten hat, in den Supermarkt zu gehen, da das Gefühl, in einer Schlange an der Kasse stehen zu müssen, vorne und hinten eingekeilt zu sein, starke Panikgefühle auslöst. Restaurant- und Cafébesuche werden auch immer häufiger gemieden. Und wenn man dann nicht schnell genug handelt und mit einer Therapie beginnt (Wartezeit meist bis zum jüngsten Tag), sitzt man eines Tages zu Hause und schafft es nicht einmal mehr zum Briefkasten hinunter zu gehen. So erging es leider mir. Selbst ein Wartezimmer beim Arzt war zum Schluss eine Hürde, die ich nicht mehr überwinden konnte. Dass ich mich dann irgendwann für eine stationäre Psychotherapie in einer Klinik entschieden hatte, hatte mich viel Überwindung und Kraft gekostet. Nur ist die Wartezeit auf einen stationären Platz viel kürzer als im ambulanten Bereich. Meine Entscheidung für die Klinik kam letztendlich so plötzlich, nachdem so viele Selbstversuche gescheitert waren und ich auf etlichen Wartelisten ambulanter Psychotherapeuten stand und nichts passierte, dass es in meinem Umfeld tatsächlich Menschen gab, die mich schon fast aufgegeben hatten, denen vor lauter Überraschung fast die Kauleiste gegen die Wand geflogen war…

Ein Buch wie du es mit „Panikattacke Deluxe“ geschrieben hast, gibt naturgemäß auch viel von den eigenen Erfahrungen eines Autors preis. Wie waren die Reaktionen in deinem Umfeld, als du begonnen hast, dich quasi öffentlich mit dem Thema (d)einer psychischen Erkrankung auseinanderzusetzen?

Oh, die Begeisterung ist gigantisch! Sie freuen sich alle sehr für mich und unterstützen mich, so lange ich in der Öffentlichkeit nicht sage, dass meine Eltern meine Eltern sind und dass die Uschi Koslowski aus der Bergbaustraße 93 in Hannover meine beste Freundin ist. Die ist mit dem Nobbi verheiratet. Nein, im ernst: Prinzipiell freuen sie sich darüber, weil sie sehen, dass es mir und auch anderen hilft.

Lachen macht bekanntlich glücklich. Aber „Einfach drüber lachen“ ist schneller gesagt, als getan. Was empfiehlst du für die Tage, an denen man aktiv versuchen möchte, sich selbst wieder aufzubauen?

Auch ich konnte nicht von Beginn an humorvoll mit der ganzen Situation umgehen. Das wäre in der Tat leichter gesagt als getan. Aber man kann mit kleinen Dingen anfangen, vielleicht Comedy gucken, einen lustigen Film sehen, ein lustiges Buch lesen. Sehr wichtig sind regelmäßige Entspannungsübungen wie z. B. Yoga, Qi Gong etc., oder auch kreative Tätigkeiten wie z. B. malen, Handarbeiten oder auch kreatives Schreiben bzw. Schreibtherapie – so bin auch ich weitergekommen. Voraussichtlich ab Herbst 2014 werde auch ich vereinzelt Schreibkurse anbieten, zum einen da ich selbst pädagogisch/psychologisch geschult bin, zum anderen da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gut es einem tun kann, wenn man sich anhand von Schreibübungen weiter nach oben ziehen kann. Es ist oft erstaunlich, was für Kräfte auf einmal in einem auftauchen, obwohl man das vorher so gar nicht eingeschätzt hätte.

Romy Fischer

Panikattacke Deluxe

Angst & Panik? Einfach drüber lachen

2013, 144 Seiten, Soft Cover
BoD
ISBN 978-3732292912
€ 9,90

Termine für Schreibkurse von Romy Fischer werden auf ihrer Website www.romyfischer.de bekannt gegeben. 

Erstellt von: mr

amicella
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