Body Shaming

Fataler Fat Talk

Wie wir uns mit übertriebener Selbstkritik schaden

Als emanzipierte Frauen haben wir es längst nicht mehr nötig, uns selbst kleinzureden – oder? Was unser Aussehen betrifft, sind wir von diesem Ideal leider weit entfernt: Fat Talk, die permanente Kritik am eigenen Aussehen, ist heutzutage ein alltägliches Ritual unter Freundinnen und richtet mehr Schaden an, als man meinen könnte.

© Can Stock Photo Inc. / peus

Spätestens seit einer US-amerikanischen Werbekampagne der Müslimarke Special K kennt man den Namen für ein Phänomen, das schon länger existiert: Der Ausdruck Fat Talk bezeichnet negative Äußerungen über das eigene Aussehen in Unterhaltungen mit anderen – und ja, wir erklären uns für schuldig. Schließlich kennt wohl jede Frau Dialoge wie diesen:

"Ich liebe diese Hose, aber meine Oberschenkel sind einfach viel zu dick dafür."

"Du und dick? Schau dir mal meine an, dann weißt du, was fett bedeutet!"

"Du siehst doch klasse aus. Immerhin hast du im Gegensatz zu mir keine Cellulite…"

"Ich weiß gar nicht, was du hast. Ich würde alles dafür geben, um so auszusehen wie du."

Sich selbst schlecht zu reden und genüsslich seine Schwachstellen aufzuzählen, ist nicht nur unter Freunden zur Normalität geworden, sogar mit Nachbarn und Arbeitskolleginnen sprechen wir über unsere Fehler. Und wir urteilen hart, denn mal ehrlich: Würden uns die Dinge, die wir über unseren Körper sagen, ebenso leicht von der Zunge gehen, wenn es um das Aussehen einer guten Freundin ginge?

Fat Talk beginnt im Kopf

Trotz des Begriffes geht es bei Fat Talk nicht nur um das Körpergewicht, sondern generell um Unzufriedenheiten mit dem eigenen Aussehen. Und die sind weit verbreitet: Ein Großteil aller Frauen beteiligt sich regelmäßig an Unterhaltungen über Aussehen und Körpergewicht, viele sogar täglich. Den Äußerungen liegt vor allem ein negatives Selbstbild zugrunde. In einer Welt, in der Plakatwände, Zeitschriftencover und sogar Müslipackungen uns mit Bildern schlanker Models mit straffer Haut und seidigem Haar bombardieren, fällt es schließlich schwer, keine Gefühle von Minderwertigkeit aufkommen zu lassen. Das Aussehen einer Frau wird scheinbar zum neuen Maßstab ihres Wertes. Fat Talk beginnt daher im Kopf: Auch wer keine selbstkritischen Bemerkungen vor anderen äußert, ist längst nicht frei von diesem Akt. Es reicht, sich im Stillen negative Gedanken über den eigenen Körper zu machen.

Auf der Suche nach Zuspruch und Zugehörigkeit

Fat Talk ist zu einem alltäglichen Ritual unter Freundinnen geworden und wirkt so ansteckend wie ein Virus. Fängt die eine erst einmal damit an, sich über ihre breiten Hüften und schwammigen Oberarme auszulassen, fällt der Rest der Gruppe nur zu gern ein und spricht über Cellulite, Spreckröllchen oder fahle Haut. Das gemeinsame Thema verbindet – und durch die selbstkritischen Äußerungen stellen wir uns mit der Gruppe auf eine Stufe, anstatt eingebildet oder arrogant zu wirken. Gleichzeitig steht hinter den Bemerkungen oft der Wunsch nach Zuspruch. Abfällige Bekenntnisse werden zu gewöhnlichem Fishing for Compliments: Wie in einem Spiel, dessen Regeln jede kennt, jammern wir einfach über unsere Schwachstellen, wenn wir Anerkennung suchen. Spricht dagegen eine Freundin schlecht von sich, wissen wir instinktiv, was sie braucht und zollen ihr Respekt und Bewunderung. 

Die andere Seite

Auf den ersten Blick mag Fat Talk als eine gute Sache erscheinen, die soziale Bindungen stärkt und uns Lob und Wertschätzung einbringt. Auf den zweiten Blick sind die Auswirkungen jedoch gravierend. Die abfälligen Worte und Gedanken verringern das Selbstwertgefühl. Wir nehmen uns als immer fehlerhafter wahr und verkaufen uns unter Wert. Der Zuspruch, den wir erhalten, kann das nicht ändern, denn die positive Wirkung hält nur kurz an, die Unsicherheiten aber bleiben. Zudem wirkt die harte Selbstkritik nicht als Motivation zur Veränderung, sondern fördert ungesundes Verhalten sogar. Das ohnehin negative Selbstbild wird als Ausrede benutzt, sich nicht anstrengen zu müssen. Schließlich macht es doch keinen Unterschied, ob man Fast Food in sich hinein stopft oder den Sportkurs ausfallen lässt, wenn man sowieso dick, unsportlich, schwach und faul ist, oder? Das schlechte Gewissen bleibt trotzdem nicht aus und führt einmal mehr zu negativen Gedanken – ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Wo also beginnen?

Schritt für Schritt zu mehr Selbstbewusstsein

Unser Körper ist unser Freund – und genauso sollten wir ihn auch behandeln. Niemals würden wir auf die Idee kommen, mit unseren Freundinnen so hart ins Gericht zu gehen, wie wir es mit uns selbst tun. Ein wenig gesunde Kritik darf natürlich sein: Wer sich gesund ernähren, Sport treiben oder an seinem Gewicht arbeiten möchte, sollte das weiterhin tun. Fat Talk, egal ob laut oder im Stillen, bleibt dagegen ein No-Go. Wann immer wir uns dabei ertappen, schlecht über unser Aussehen zu denken, sollten wir sofort innehalten und die negativen Gedanken durch realistische, vor allem positive ersetzen. Den Fokus unseres Denkens legen wir lieber auf uns selbst und unsere Stärken, anstatt uns mit anderen zu vergleichen. Auch Schuldgefühle sollten wir nicht mehr zulassen und uns stattdessen motivieren, die Dinge zu verändern, mit denen wir unzufrieden sind. Gerade kleine Veränderungen wie diese helfen auf Dauer, unser Selbstbild zu verbessern und zufriedener zu werden – und das wollen wir schließlich alle.

Fortgeschrittene versuchen übrigens, einmal eine ganze Woche lang völlig Fat Talk-frei zu verbringen. Die Challenge gibt es hier: www.bi3d.tridelta.org

Erstellt von: jr

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