„Mutterblues“-Autorin im Interview

„19 Jahre Verantwortung fielen von mir ab“

Ich kann nur ahnen, wie meine Mutter sich fühlte, als wir vor zwei Jahren ihren alten Skoda mit meinen Sachen vollpackten. 180 Kilometer später hatte ich ein neues Zu Hause. Als ich danach zum ersten Mal anrief, war meine Mutter ganz aus dem Häuschen: „Ich habe mich gar nicht getraut, dich anzurufen, hatte Angst, dich einzuengen.“ Damals verstand ich gar nicht, warum meine abteilungsleitende Mutter mit großem Freundeskreis sich so sehr mit meinem Auszug beschäftigte. Über diese Trauer und Unsicherheit hat Silke Burmester das Buch „Mutterblues“ geschrieben.

Interview: Leonie Habisch

Silke Burmester (50) ist freie Journalistin und Buchautorin.
© Eva Häberle

Ich spreche an einem Montagmorgen mit Silke Burmester. Von der typischen Lustlosigkeit zum Wochenstart merke ich bei ihr aber nichts. Ihrer Stimme hört man an, dass sie öfter vor Menschen spricht und weiß, wie man Geschichten so erzählt, dass das Gegenüber gerne zuhört.


Wann hattest du das erste Mal richtig schlimmen Mutterblues?

Das ging los, als mein Sohn 14 war. Da fing er an, blöd zu werden – pubertätsbedingt blöd. Er kündigte das Kuscheln auf, ich durfte nicht mehr dabei sein, wenn er telefoniert, nicht mehr wissen, was er im Internet macht, die Badezimmertür ging zu. Das war der Anfang vom Ende der gemeinsamen Zeit. Da wurde ich traurig.

In deinem Buch beginnst du auch mit der Pubertät und forderst, dass wir „dieses Monster überdenken“. Was meinst du damit?

Ja, Monster, weil es ein großes, mächtiges Schreckensszenario ist. Wir als Eltern beobachten: Der Mensch, den wir so gut kannten, verändert sich so stark. Gleichzeitig ist das für diesen Menschen, der sich da verändert eine aufregende Zeit: Freiheiten fangen an, die Eltern werden unwichtiger, man hat neue Freunde, geht aus, ist betrunken. Das ist doch großartig und total toll! Ich bin dagegen, die Pubertät immer so abzutun, ich finde das ist eine ganz spannende Zeit, die aber natürlich auch anstrengend ist für alle Beteiligten.

Welcher war der prägendste Moment der Abnabelung und der „pubertätsbedingten Blödheit“?

Das prägendste war tatsächlich, als er 70 Minuten vor seiner mündlichen Abiturprüfung um Viertel vor eins mittags immer noch im Bett lag. Er musste eine Präsentation halten. Die war noch nicht ausgedruckt. Unser Drucker war schon ewig kaputt. Ich habe mir gesagt, dass er 18 ist und weiß, was er tut, dass ich das jetzt eben aushalten muss. Aber ich habe dann natürlich doch was gesagt. Er hat mich total angefahren, er habe die Situation im Griff. Fragwürdiges Benehmen auszuhalten, ist mit das Schwierigste.

Von der Pubertät an beschreibst du den Weg bis zum Auszug deines Sohnes. Wie war der erste Morgen ohne dein Kind?

Das Komische war: der Auszug fühlte sich gar nicht schlimm an. Ich habe ihm geholfen, war mit seinen Freunden da. Als er dann in seiner Wohnung war und ich allein vor dem Wohnhaus stand, hatte ich das Gefühl 19 Jahre Verantwortung fallen von meinen Schultern ab. Ich war irgendwie froh, dass es vorbei ist. Anschließend habe ich drei Tage lang quasi nur noch geschlafen. Den ersten Morgen habe ich deswegen gar nicht mehr so bewusst in Erinnerung. Am selben Wochenende aber habe ich sein Zimmer saubergemacht und neu eingerichtet. Der Abschiedsprozess war so langwierig und schwierig, dass da sofort was Neues hermusste.

Wie hast du dich auf diesen Moment vorbereitet? Geht es überhaupt, sich vorzubereiten?

Ich wehre mich dagegen, Ratschläge zu erteilen. Ratgeber sagen ja immer, dass man sich eine Aufgabe suchen soll, um nicht in ein Beschäftigungsloch zu fallen. Ich habe einen Beruf, der mich total ausfüllt, bin sehr viel unterwegs, treffe interessante Leute. Ich habe dieses Inhaltsvakuum nicht. Bei mir war das also anders. Ich war mit ihm bei Ikea und habe ihn für den Umzug ausgestattet. Beim Kisten tragen war ich auch da, zusammen mit seinen Freunden und seinem Vater. Dass es gut läuft und kein schrecklicher Tag wird, war mir wichtig.

Wie offen hast du deinem Sohn gezeigt, dass du traurig bist wegen des Auszugs?

Die Trauer zu zeigen, ist schwierig, weil sie sehr einseitig ist. Das Kind löst sich, findet das ganz toll und nur für mich als Mutter ist es sehr traurig. Deswegen finde ich, anders als in einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung, darf man den anderen da nicht reinholen, ihn nicht in die Traurigkeit mit reinzuziehen. Irgendwann habe ich einfach mal erzählt, dass ich traurig bin. Das hat Druck rausgenommen. Außerdem hat mein Sohn Teile des Buches gelesen – er hat schließlich Persönlichkeitsrechte.

Wie hat dein Sohn auf das Buch reagiert?

Er fand es interessant, weil man seine Mutter dadurch viel besser verstehen würde. Im Sinne dessen, dass man nun weiß, warum Mütter oft so blöd sind. Das mit den Wechseljahren sei aber too much information. Und: Ihm würden sofort 50 Leute aus seiner Altersgruppe einfallen, die das ihrer Mutter zu Weihnachten schenken könnten. Was ich eine interessante Äußerung finde, weil sie zeigt, dass es den Jugendlichen um Kontakt mit der Mutter geht. Wenn sie ihrer Mutter das Buch tatsächlich gäben, gibt es zwei mögliche Ebenen: Entweder: „Hier, ich will das alles gar nicht wissen, aber du hast meine Solidarität.“ Oder: „Ich finde dich total schwierig, setz dich mal mit dir auseinander.“ In jeden Fall aber findet das Thema dadurch zwischen Mutter und Kind statt.

Was können Eltern und Kind noch tun, um sich besser zu verstehen?

Man kann das Thema ansprechen und sagen: „Du, hör mal zu, du wirst jetzt groß und löst dich und ich finde das traurig, weil ich merke, dass du ganz viele Sachen nicht mehr willst. Ich weiß, das muss so sein, das gehört dazu. Ich war genauso, aber für mich als Mutter ist das schwierig. Also bitte versteh, wenn ich jetzt ab und zu blöd bin.“ Mütter und Väter machen in der Zeit ja auch viele blöde Sachen und versuchen, das Kind an sich zu binden: Sie kochen ständig lecker und sind beleidigt, wenn die Brut nicht da ist, sondern lieber mit seinen Freunden abhängt.

Wie hast du dich seit dem Auszug verändert?

Ich mache mir keine Gedanken mehr, ob er muffelt oder die Haare mal gewaschen werden müssten. Er hat zum Beispiel diesen Sommer in einem einzigen Paar Schuhe verbracht. Ich hätte ihn deswegen wahnsinnig genervt bis irgendwann ein zweites Paar Schuhe kommt. Jetzt habe ich ihm zweimal gesagt lass uns Schuhe kaufen. Wenn er das nicht macht, ist das nicht mein Thema. Ich kann mich viel besser abgrenzen, das ist großartig.

Wie haltet ihr jetzt Kontakt?

Ich würde ihn gerne ein bisschen öfter sehen als alle drei Wochen. Aber wir telefonieren ungefähr einmal die Woche. Der Kontakt ist jetzt inhaltlicher. Ich frage „Wie geht’s dir?“ und nicht „Hast du dich um dieses und jenes schon gekümmert?“ Letzte Woche habe ich ihn zum Mittagessen getroffen und er hat mir von seinem Festivalwochenende erzählt. Das ist ja das Tolle, dass wir am Leben des Anderen Teil haben.

Was hast du gemacht, um mit der Trauer fertig zu werden?

Irgendwann habe ich angefangen, darüber zu reden. Ganz lange dachte ich, dass es nur mir so geht und dass ich eine Psychomacke habe - bis ich darauf gekommen bin, dass es anderen Frauen auch so geht. Das Schreiben war für mich ein befreiendes Medium, wie es für andere vielleicht das Malen ist. Ich war aber trotzdem lange gebeutelt davon. Geweint habe ich nicht, aber ich habe mein Kind angeguckt und war traurig.

Was ist dir im Gespräch mit anderen noch aufgefallen?

Wenn die Kinder ausziehen, sind wir in den Wechseljahren. Es gibt eine starke gesellschaftliche Abwertung von Frauen ab 50. Sie werden beruflich in die zweite Reihe geschoben. Bei vielen ist auch aus der Beziehung die Luft raus. Gleichzeitig verändert sich der Körper, wird schrumpelig. Ich schrumple innerlich aber nicht mit. Und dann kommt oben drauf, dass das, was du am meisten liebst, deine verlässlichste Quelle des Gebrauchtwerdens, sagt: „Ey, nerv mich nicht!“. Diese Kombination aus Wechseljahren und Abschied vom Kind ist sehr schwierig.

Du lebst getrennt vom Vater deines Kindes, ihr teilt euch aber die Erziehung. Leiden die Väter nicht auch?

Ja, sehr stark sogar. Bei denen hat sich natürlich das Bild von Vater und Mann verändert. Ich bin 1966 geboren, damals konnten die Väter häufig nichts mit den Kindern anfangen. Eine andere Veränderung ist, dass heute in einer Trennungssituation auch die Väter die Erziehungsaufgabe übernehmen. Dadurch entsteht eine viel innigere und intensivere Beziehung – und entsprechend leiden viele Väter stärker. Das habe ich auch in einem Väter-Kapitel aufgenommen. Weil ich aber von mir ausgehen wollte, habe ich ein Frauenbuch gemacht.

Warum verbergen viele Mütter und Väter, dass sie mit dem Auszug nicht klarkommen?

Weil wir keine Vorbilder haben, was das angeht. Meine Mutter wurde sehr traurig und hat mir immer ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn ich mit 16 bei meinem ersten Freund war. Ich hatte große Schuldgefühle. Viele haben das so erlebt und kommen dennoch nicht auf die Idee, es anzusprechen – obwohl es ein guter Weg wäre.

Passt die Trauer nicht zum Bild einer modernen Frau?

Ja, das ist sicherlich auch mein Problem. Ich sehe mich als emanzipierte Frau und merke, dass mich der Auszug meines Kindes derart aus der Bahn wirft. Da ist dann immer die Gefahr, in so ein Hannelore Kohl Frauen- und Mutterbild zu rutschen. Ihr Mann hat Politik gemacht, sie nach Strich und Faden betrogen und sie hatte immer den Sauerbraten bereit, falls er nach Hause käme.

Mutterblues - Mein Kind wird erwachsen und was werde ich?

Von Silke Burmester
Verlag: Kiepenheuer&Witsch

Preis: 14,99 €
ISBN 978-3-462-04952-7
Ausstattung: 256 Seiten, Klappenbroschur

Ben ist 17, in einem Jahr macht er Abitur. Silke Burmester ist Bens Mutter, bald verlässt ihr Sohn das gemeinsame Nest. Sie findet das gut, sie findet das richtig, und trotzdem geht es ihr hundsmiserabel dabei. Sie fragt sich: Warum fällt mir das Erwachsenwerden meines Kindes so schwer?

Erstellt von: lsh

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