Body Shaming

Wenn der Körper zum Imageträger wird

Zu allen Zeiten haben sich Frauen miteinander verglichen. Das ist heute nicht anders. "Ist sie schlanker als ich?", "Die hat ja richtige Speckröllchen", "Gut, dass ich nicht so ein Hungerhaken wie die da hinten bin." Ob im Fitnessstudio, Schwimmbad oder beim Einkaufen im Supermarkt: Immer haben wir uns selbst und die anderen im Blick und vergleichen, bewerten, kritisieren. Wenn aber nur noch anhand von Äußerlichkeiten beurteilt wird, ist das nicht mehr normal, sondern Body Shaming.

© Can Stock Photo Inc. / stepanov

Zu dick, zu dünn, zu unförmig. Irgendetwas ist immer falsch. Nicht nur an anderen Frauen, sondern vor allem an uns selbst. Kein Wunder: Schließlich werden wir in Zeiten von Fernsehen, Internet und Smartphones von Bildern perfekter Frauenkörper nur so überflutet. Wir wollen mithalten, obwohl wir genau wissen, dass man das gängige Schönheitsideal nur noch mit Photoshop erreichen kann. Also geht es an die Arbeit: Problemzonen müssen kaschiert, Makel eliminiert werden. Wenn es Körperzonen gibt, die dem Idealbild nicht entsprechen (und die gibt es – immer!), müssen sie versteckt werden.

Selten wurde ein Schönheitsideal so aggressiv angepriesen wie aktuell: Während Werbung, Magazine und Zeitschriften sich auf den ständigen Optimierungswunsch der Kundinnen stürzen, hinken diese trotz Wundercremes und Formunterwäsche weit hinterher. Schon immer hat der Großteil der Frauen der erwünschten Norm der Gesellschaft nicht entsprochen. Wenn aber Abweichungen abgelehnt und als "Abarten" bekämpft werden, wird das zum Problem: Body Shaming ist mittlerweile überall.

Echte Frauen haben Kurven? Alle Frauen sind echte Frauen!

"Einen Bikini kann ich mit meinem Bauchspeck doch gar nicht tragen, höchstens einen Badeanzug", "Leggings mit Größe 40? Ein No-Go!", "Wenn ich so dünne Stelzen hätte, würde ich aber nicht in Röhrenjeans auf die Straße gehen…" Body Shaming ist vielfältig und richtet sich nicht nur gegen Übergewichtige. Dünne werden oft genauso angegangen und als magersüchtig oder sogar eklig abgestempelt. Überhaupt scheint die moderne Frau von heute ein übersteigertes Interesse am Aussehen anderer zu haben. Man braucht bloß einen Blick auf soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram zu werfen, um einen Eindruck vom Selbst- und Fremdbild junger Frauen zu bekommen. Mit einem nicht perfekten Körper ein kurzes Kleid oder sogar einen Bikini zu tragen, gilt als mutig – aber was genau ist denn mutig daran, einfach anzuziehen, worauf man gerade Lust hat, ohne sich schämen zu müssen? Wer trotz Schönheitsmakeln mit sich selbst zufrieden ist, wird oftmals belächelt oder schief angesehen. Einen noch kritischeren Blick werfen wir auf uns selbst. Wie kommt es, dass wir uns erlauben, andere so maßlos zu beurteilen? Und vor allem: Wie kann es sein, dass wir uns selbst und andere hauptsächlich über die körperliche Erscheinung bewerten?

Von Thigh Gaps bis Hip Dips

Wer dick ist, lebt nicht automatisch ungesund. Wer dünn ist, treibt nicht in jedem Fall viel Sport und isst wenig. Viel wichtiger noch: Wer schlank ist, muss noch lange nicht glücklich sein. Das Aussehen anderer Frauen zu bewerten und festzustellen, an welchen Stellen sie größere Makel als man selbst haben, mag im ersten Moment gut tun, schließlich wertet man dadurch das eigene Aussehen auf. Die Genugtuung hält aber nicht lange an. Wer sich stets mit anderen vergleicht, kann nur verlieren: Irgendeine ist immer hübscher. Stattdessen setzt man sich unter den ständigen Druck, "richtig" und perfekt sein zu müssen, um mithalten zu können. Eine solche Denkweise geht davon aus, dass sich der Wert einer Person hauptsächlich über das Aussehen definiert. Wer andere permanent bewertet und kritisiert, hat in Wirklichkeit ein Problem mit seinem Selbstwert.

Leben und leben lassen – eine Frau, die mit sich im Reinen ist, strebt nicht verzweifelt nach der perfekten Thigh Gap, der durchgängigen Lücke zwischen den Oberschenkeln bei geschlossenen Beinen. Sie jammert nicht über ihre Hip Dips, den kleinen, ganz natürlichen "Dellen" in den Rundungen der Hüfte, direkt an den Hüftknochen. Macht man sich diese Mechanismen immer wieder bewusst, ist das schon der erste Schritt, um Body Shaming zu verhindern.

Ein liebevoller Umgang mit dem Körper

Body Shaming bedeutet nicht nur, anderen aufgrund ihres Aussehens das Leben schwer zu machen. Unsere größten Kritikerinnen sind meist wir selbst und genau da können wir ansetzen: Es geht um einen liebevolleren Umgang mit dem Körper, weg vom Body Shaming hin zu Akzeptanz und Toleranz. Sebstverständlich hat jeder Mensch bestimmte Vorstellung von Schönheit und einen eigenen Geschmack, und das soll sich auch nicht ändern. Aber wieso ist uns die äußere Erscheinung mittlerweile wichtiger als alles andere?

Wir müssen wieder lernen, die eigenen Makel zu akzeptieren und uns nicht mehr vordergründig über das Aussehen zu definieren. Der Körper ist zu einem Imageträger verkommen, der unseren Wert möglichst hoch verkaufen soll, eine Ansicht, die schlicht und einfach falsch ist. Wie andere Menschen aussehen, geht uns nichts an – uns betrifft nur, wie sie sich verhalten. Letztendlich sind es immer noch die eigentlichen Werte, die zählen und auf die wir uns zurückbesinnen sollten. Unser Körper ist kein bloßer Imageträger, er leistet erstaunliche Dinge und unterstützt uns in all seinen Funktionen, ganz unabhängig von seinem Aussehen. Und in dieser Hinsicht sind wir alle nur eins: Nämlich perfekt. 

Erstellt von: jr

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