Kolumne

Das erste Mal... im Fußballstadion: Was bitte sind Shouter?

Ich gehöre zu den Menschen, die alle zwei Jahre der Atmosphäre wegen zum Public Viewing gehen. Bis jetzt, denn ich wurde eines besseren belehrt.

Ich bilde mir ein, dass mein Freund und ich eine Beziehung führen, die weitestgehend ohne alte Rollenbilder auskommt. Wir verdienen beide unser eigenes Geld, machen gleichermaßen wenig im Haushalt und bekochen uns gegenseitig. Unsere sportlichen Interessen dagegen könnten klischeehafter nicht sein: Er spielt Fußball, ich mache Pilates. Er spielt nicht nur Fußball, sondern guckt auch gerne Fußball – ich nicht. Ich gehöre zu den Menschen, die alle zwei Jahre der Atmosphäre wegen zum Public Viewing gehen. Ansonsten ist mir Fußball und die ganze Fankultur drumherum suspekt. 72 Verletzte wegen Pyrotechnik in der letzten Saison, Spieler mit dunkler Hautfarbe müssen sich Affenlaute anhören und kaum kommentiert eine Frau ein EM-Spiel, geht ein Shitstorm los. Das war mein bisheriger Eindruck von Fußball.* 

Nichtsdestotrotz reizte mich die Idee, mal ins Stadion zu gehen, da ich grundsätzlich ein Fan von Live-Events bin. Mein Freund und ich bekamen Karten geschenkt und gingen mit unseren Nachbarn, ebenfalls ein Pärchen, zu einem Montagsspiel des St. Pauli gegen den 1. FC Nürnberg. Unser Nachbar, der zwei Jahre lang stolzer Besitzer einer St. Pauli Dauerkarte war, erklärt uns, Pöbeleien und Gewalt gäbe es hier nicht. Die Stimmung vor dem Stadion bestätigt das. Zwar drängeln die Leute, das jedoch mehr eilig als aufdringlich. Schließlich beginnt gleich das Spiel und niemand möchte verpassen, wie die Spieler zu „Hells Bells“ von ACDC aufs Spielfeld kommen. „Da kriege ich immer Gänsehaut!“ meint unser Freund. Wir kommen an unseren Plätzen an. Die Sonne ist schon lange untergegangen, daher beleuchten riesige Scheinwerfer das Spielfeld und es sieht fast unwirklich aus. Wir sitzen nah am Spielfeld des ausverkauften Stadions – dafür aber auch nah am Gästeblock. Besser ging’s nicht, denn die Kartenbeschaffung ist kompliziert. Die guten Plätze sind für Vereinsmitglieder reserviert, alle anderen immer schnell weg und jetzt sitzen wir neben den Nürnberg-Fans. Die sind schwarz gekleidet, schwenken Ultra-Fahnen mit Aufdrucken wie „Sektion Stadionverbot“. Zwei Fans mit Megaphon, die Shouter, stehen mit dem Rücken zum Spielfeld auf dem Geländer und dirigieren den Block. Sowas war mir vorher im Fernsehen nie aufgefallen. In meinem Kopf war immer die romantische Vorstellung der intuitiven Fangemeinde. Genauso, wie vor einem Konzert eben jemand einfach so den Namen der Band ruft und alle einstimmen bis diese auf die Bühne kommt. Hier offenbar nicht. Sie heizen die Stimmung an, sodass noch vor Beginn des Spiels ein synchrones „Scheiß St. Pauli“ durchs Stadion tönt. „Sowas würden Pauli-Fans nie machen!“, versichert unser Freund mit angesäuerter Miene.

Lokalpatrioten brauchen keine Smartphones

Wir wenden unseren Blick wieder ab von der wütenden Masse, die von mehr Ordnern umstellt ist als der Rest des Stadions, und prosten uns zu – natürlich mit Astra-Bier. Mehr Lokalpatriotismus geht nicht. Das Spiel beginnt. Wir sitzen am gegnerischen Tor und es ist viel interessanter als ich dachte. Fußballspiele im Fernsehen bringen mich normalerweise dazu, freiwillig die Küche aufzuräumen. Aber das hier macht Spaß. Die Leute um uns herum sind ausgelassen, verfolgen das Spiel, ohne ein Handy zu zücken, geschweige denn zu filmen oder Fotos zu machen. Für mich als bekennenden Handyjunkie ist das mehr als befreiend: ein Ort, an dem die Menschen es tatsächlich noch schaffen, den Moment zu leben und einfach nur da zu sein. Mein Handy bleibt auch in der Tasche. Einzig und allein in der Halbzeitpause kann ich es mir nicht verkneifen, ein Foto vom Stadion und von uns zu machen. Bis dahin ist unsere Stimmung leicht getrübt, denn Nürnberg hat in der 20. Minute auch ein Tor geschossen und damit „den Ausgleich“ geschafft. Mein Fußball-Vokabular wird immer größer. Ab da gibt es viele Chancen aber keine Tore mehr. Wir singen Fanchöre mit, feuern an und fiebern mit. Immer wenn der Schiedsrichter pfeift, hat jeder eine Meinung und brüllt sie ihm zu, als hätte das Einfluss. Das habe ich vor dem Fernseher nicht verstanden und verstehe es immer noch nicht. Dieser Mann hat eine Ausbildung gemacht, um diesen Beruf auszuüben. Er wird sich nicht von einer Horde alternder Fanschal-Träger umstimmen lassen.

Wie man ein richtiger Fan wird

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – die Floskel stimmt, wenn man sich die Fankneipe anguckt. Wir holen ein letztes Bier nach dem anderen und setzen uns an einen der Tische. Alleine sind wir nicht. Schnell setzten sich Freunde und Bekannte unseres Nachbarn mit dazu. Gemeinsam analysieren wir das Spiel. Sätze wie „Da hätte er eigentlich rot geben müssen“ und „Da wäre sicher noch mehr drin gewesen“ fallen und werden mit Kopfnicken bestätigt. Jüngere und ältere Fans streiten sich über die richtige Art der Spielerunterstützung. „Die Ultras singen die ganze Zeit ihr Liedchen. Das geht nicht! Wenn sie eine Torchance haben, müssen wir sie antreiben!“, meint mein Sitznachbar, er ist seit 50 Jahren St. Pauli Fan, Hamburger Schnacker und Traditionalist. Zur Fankultur gehören Traditionalisten und Ultras, erklärt mir mein Nachbar. „Klassischer Konflikt: spielabhängiger Support der Traditionalisten versus spielunabhängiger Support der Ultras.“ Was auch immer davon richtig ist, eins ist sicher: Für mich bleibt es nicht beim ersten Mal im Stadion. Das nächste Mal ist schon in Aussicht. Dann aber Südkurve.

*Änderungshinweis: Ursprünglich hatte die Autorin "Regelmäßig gibt es Verletzte wegen Pyrotechnik, Spieler werden ihrer Hautfarbe wegen, Kommentatorinnen ihres Geschlechts wegen ausgepfiffen und angegriffen." geschrieben. Dies haben wir durch Quellenangaben ergänzt und ausführlicher beschrieben.

Erstellt von: lsh

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