Interview mit Ildikó von Kürthy

„Kinder brauchen Eltern, an denen sie sich reiben können“


Ildikó von Kürthy ist freie Journalistin und lebt in Hamburg. Ihre Bestseller (u.a. "Endlich", "Herzsprung" unf "Freizeichen") wurden mehr als fünf Millionen Mal gekauft und in 21 Sprachen übersetzt. Ihr erster Roman "Mondscheintarif" (1999) wurde 2001 von Ralf Hüttner mit Jasmin Tabatabai, Bettina Zimmermann, Gruschenka Stevens und Tim Bergmann fürs Kino verfilmt. 2010 ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden.

Bild: © Philipp Rathmer c/o Klein Photographen

Ildikó von Kürthy findet es immer gut, wenn die Leute Kinder kriegen - sie selbst hat zwei. Am 17. August 2012 erschien ihr erstes Sachbuch, welches sich mit genau diesem Thema beschäftigt: Kinder - vom kleinen Punkt auf dem Ultraschallbild bis zum ersten herzergreifenden "Mama". Hinter dem Titel "Unter dem Herzen" verbergen sich unkontrollierbare Schwangerschaftshormone, Ängste und Glücksgefühle in ihrer reinsten Form und schließlich volle Windeln, schlaflose Nächte und der ewige Spagat zwischen Job, Kind und dem eigenen Leben.

In unserem Interview spricht die Autorin schonungslos ehrlich über die Schwierigkeit, Grenzen zu setzen, unantastbaren Freundschaften zu Kinderlosen und die Herausforderung, gute Männer großzuziehen...

 Interview: Alexandra Bersch

amicella: Schon seit Ihrem ersten Buch "Mondscheintarif" finden sich Frauen in Ihren Figuren wieder – machen Sie mit dem autobiografischen Sachbuch noch einen Schritt näher an Ihre Leserinnen heran?

Ildikó von Kürthy: Hm... Ich weiß nicht. Mutter zu werden ist natürlich in der Tat ein Abenteuer, das viele Frauen erleben, deswegen schreibe ich ja auch darüber. Das Buch ist ein bisschen als Reisebegleiter in ein unbekanntes Land gedacht, welches vielen aber nicht mehr unbekannt ist. Insofern komme ich ihnen vielleicht näher, weil sie mehr von mir persönlich erfahren. Aber ich glaube, der Effekt, sich wiederzuerkennen wird genau so groß sein wie sonst auch in meinen Romanen.

Sie sagen über sich, dass Sie „stets den Weg des geringsten Widerstands“ wählen und von Natur aus nicht der geduldigste Mensch sind. Sind Kinder nicht der Widerstand in seiner reinsten Form? Sie haben jetzt ja schon zwei – wie hat sich das auf die Ungeduld ausgewirkt?

Leider gar nicht. Ich dachte, es würde mit der Geburt geschehen, dass man automatisch geduldiger wird und dass man gerne Kuchen backt und Laternen bastelt. Dem war aber nicht so. Insofern sind meine Kinder und ich für einander eine interessante Herausforderung. Den Weg des geringsten Widerstandes versuche ich eigentlich immer noch zu gehen und fahre damit ganz gut. Denn meistens ist der Weg, der einem am leichtesten fällt, der, auf dem die Talente liegen und die Lust und das Glück. In meinem Fall war es schon so, als ich mich für das Schreiben entschieden habe und nicht dafür, Chemikerin zu werden oder so was Ähnliches. Und insofern plädiere ich ziemlich dafür, zu überlegen: Womit bin ich glücklich? Wobei vergesse ich die Zeit? Wenn das auf dem Spielplatz so ist, ist das wunderbar und wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm.

Wie ist das mit der Erziehung? Man muss Kindern ja klare Grenzen setzen und diese auch ihnen gegenüber vertreten, wenn sie versuchen, sie einzureißen. Fällt Ihnen das schwer?

Das fällt mir tatsächlich schwer. Es wird auch ab und zu laut und ich bin auch nicht immer so konsequent wie es im Lehrbuch gefordert wird. Aber Kinder brauchen keine Spitzenpädagogen als Eltern sondern Menschen, an denen sie sich reiben können, und das kann man an mir sehr gut.

Keine Spitzenpädagogin, okay. Wie steht es um Ihre Liebe zu blinkendem buntem Plastikspielzeug? Noch da?

Das hat sich tatsächlich einen Hauch gegeben. Meinen Hang zum Kitsch konnte ich ja schon derartig austoben, dass ich jetzt gerade mehr in der reduzierteren Phase bin und eigentlich froh über alles, was nicht auf einmal angeht und blinkt.

"Der neugeborene Junge kommt als Actionheld zur Welt"


Ihr Großer wird in ein paar Wochen sechs – wie ist es mit iPods, Spielkonsolen und dergleichen? Viele Eltern machen da einen großen Bogen drum und ignorieren Worte wie Nintendo, i-Irgendwas oder Playstation auf dem Wunschzettel. Wie stehen Sie dazu?


Mit großer Zurückhaltung – aber es gehört ja zum Leben. Wir haben ein iPad, das ist aber noch was Besonderes, wird auf längeren Autofahren von den Kindern benutzt und nicht völlig verbannt. Auch eine halbe Stunde Fernsehen ist am Wochenende erlaubt. Es wäre albern, so zu tun als seien diese Dinge... Monster oder sowas. Selbst wenn es welche sind, müssen die Kinder eh lernen, damit zu leben – denn sie werden in der Zukunft ihren Alltag bestimmen.

Haben Sie sich mal bei dem Gedanken ertappt, lieber Mädchen haben zu wollen? Bei manchen Dingen, die Ihre Söhne von Ihnen fordern oder die sie tun, wie sie sich benehmen?

Oh ja! Sehr oft sogar. Es ist ja so, dass der neugeborene Junge als Actionheld zur Welt kommt und du überhaupt nichts dran ändern kannst. Jungs sind laut, voller Testosteron und sehr, sehr männlich – und zwar auf eine Weise männlich, wie das heutzutage nicht mehr angesagt ist. Das, was Jungs an Männlichkeit schon rein biologisch mitbringen, wird später total in Frage gestellt, weil es scheinbar nicht mehr nötig ist, so typisch männlich zu sein. Irgendwie ja auch zurecht. Ich glaube, es wird ein schwieriger Weg werden für meine kleinen Männer, eine Rolle zu finden, die männlich ist und trotzdem modern. Für Frauen ist das auf eine gewisse Weise leichter, wobei die Rollenfindung gerade jetzt sowieso in ein neues Zeitalter geht. Männer werden mehr Väter, Mütter sind nicht mehr nur Mütter. Alle müssen sich komplett neu orientieren.

Sie schreiben auch von dieser Problematik, in der heutigen Gesellschaft ein Mann zu sein. Welches Männerbild wollen Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben? Was macht in Ihren Augen einen Mann zu einem guten Mann?

Tja, was macht einen guten Mann aus? Eigentlich dasselbe was in Zukunft eine gute Frau ausmachen wird – nämlich ein zufrieden machendes Gleichgewicht zu finden zwischen Privat- und Berufsleben. Zwischen Kindererziehung und Egoismus. Das sozusagen ist die neue Aufgabe der Männer. Aber auch die neue Aufgabe der Frauen, weil beide sich in den letzten Jahrhunderten nur auf eines konzentriert haben. Dieses Gleichgewicht ist und wird für beide schwierig zu finden sein, aber letztlich ist es ja die große Aufgabe eines jeden, ein zufriedener, freundlicher Mensch zu werden.

In einem Interview von 2006 haben sie auf die Frage, ob sie wissen, welche Art von Mutter sie sein werden, geantwortet, dass Sie es nicht wissen. Jetzt – zwei Kinder später: Welche Mutter sind sie geworden? „Die Superglucke, die Schreckschraube oder die Mutter, die Ihr Kind aus Versehen in der Umkleide vergisst“?

Also ich bin von allem Etwas. Zum Glück habe ich keinen übersteigerten Perfektionsdrang, womit es sich viele Mütter leider sehr schwer machen. Und ich versuche immer MIT meinen Kindern zu leben und nicht FÜR meine Kinder. Das gelingt mal mehr und mal weniger.

"Die Süßigkeiten werden versteckt, damit ich mehr habe"


Was denken Sie, inwieweit Ihr Prominentenstatus Sie als Mutter beeinflusst? Denken Sie sich manchmal, dass das schlechte Benehmen Ihrer Kinder leichter auf Sie zurückfällt als auf jemanden wie „Karin Mustermann“, die am nächsten Tag schon wieder vergessen ist, wenn man sie mal mit ihrem schreienden, sich auf dem Boden wälzenden Kind gesehen hat?

Also erstens ist mir das völlig egal. Und zweitens hab ich ja auch keine Anleitung geschrieben, wie man perfekte Kinder großzieht. Ich habe offen und ehrlich gesagt, wie schwer es mit Kindern ist und wie sehr es mir auch oft genug misslingt. Also wenn man mich –  was man eigentlich täglich beobachten kann –  im Supermarkt verzweifelt mit zwei sich kloppenden Jungs erlebt, dann ist das nichts, was man nicht schon über mich gelesen hat. Insofern habe ich mich also vorher geoutet.

Und wo wir jetzt schon mal im Supermarkt sind: Ein zentrales Thema Ihres bisherigen Gesamtwerks ist das Essen und Ihre Liebe zum Essen. Essen Sie, jetzt da sie Mutter sind, anders? Bewusster? Oder immer noch nach Herzenslust und -laune?

Ich esse nach Herzenslust und -laune. Dann erschrecke ich mich, wenn ich auf die Waage gehe und dann faste ich. Ich bin nach wie vor ein extremer Mensch, daran hat sich nichts geändert. Fressen oder fasten – das funktioniert für mich am besten.

Wie sieht es mit der Ernährung Ihrer Kinder aus, achten Sie auf bestimmte Sachen? Manche Eltern geben ihren Kindern ja kein Zucker oder kein Fleisch…

Für meine Kinder gilt: Alles in Maßen. Sie essen Süßes, sie essen Fleisch. Sie essen ganz normal. Die Süßigkeiten werden versteckt, damit ich mehr habe.

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