Interview mit Daniel Brühl

"Ich bin wahnsinnig glücklich in Europa"

Wir haben Daniel Brühl (37) mit GOOD BYE, LENIN! kennen und lieben gelernt. Inzwischen ist der deutsche Schauspieler mit spanischen Wurzeln international erfolgreich und wird ab dem 18. Febrauar 2016 neben Emma Watson in COLONIA DIGNIDAD zu sehen sein. Im Film spielt er ein Opfer der namensgebenden Sekte, das während des Militärputsches in Chile 1973 verschleppt und gefoltert wird. 

Mit uns hat er über seinen Kindheitsbezug zur Sekte und dem Land Chile, die Zusammenarbeit mit Hollywood-Stars, seine Heimat und das unkontrollierbare Biest Internet gesprochen. 

Interview: Linda Schulzki


© Majestic / Mathias Bothor

Hierzulande gelten Til Schweiger und Matthias Schweighöfer als die Kino-Könige, doch einer wird bei dieser (Selbst-) Einschätzung gerne vergessen: Daniel Brühl. Der Schauspieler hat in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Nach deutschen Erfolgen wie GOOD BYE, LENIN!, WAS NÜTZT DIE LIEBE IN GEDANKEN und DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI war er vor allem in amerikanischen Produktionen, wie INGLORIOUS BASTERDS, INSIDE WIKILEAKS und RUSH zu sehen. Nun spielt er neben Emma Watson in COLONIA DIGNIDAD und wird bei Marvels CAPTAIN AMERICA dabei sein. Daniel Brühl versucht nicht wie Til Schweiger ein bisschen Hollywood nach Deutschland zu bringen, er gehört zu Hollywood.

Daniel Brühl hat seine Haare inzwischen wieder kurz, als ich ihn treffe. Passend zu den 2°C draußen, trägt er einen Wollpulli in gefühlt hundert Farben. Er ist freundlich, gut gelaunt und nippt zwischendurch an seinem Cappucino. Mir wird sofort klar, wie bodenständig und sympathisch dieser Mensch ist.


amicella: Erstmal vorweg - ist Dutzen in Ordnung?

Daniel Brühl: Ja, klar.

War dir schon vor den Dreharbeiten etwas über die deutsche Sekte "Colonia Dignidad" in Chile bekannt?

(nickt) Ja, ich wusste was darüber. Als ich klein war, waren meine Eltern da sehr engagiert und haben Exilchilenen geholfen. Zum Teil haben die sogar bei uns gewohnt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind viel mit einem chilenischen Jungen zu tun hatte. Als Kind verstehst du natürlich nicht genau, welche politische Dimension das Ganze hat und warum die geflüchtet sind, aber trotzdem war dadurch für das Thema und das Land Chile immer eine Sensibilität da. In meiner Jugend hat mich das auch interessiert, wodurch ich von dieser schrecklichen Sekte erfahren habe. Ich bin total schockiert gewesen, über das was da vorgefallen ist und habe mich gewundert, warum die meisten Leute hierzulande nichts darüber wissen. Als Florian (Florian Gallenberger, der Regisseur von COLONIA DIGNIDAD, Anm. d. Red.) sagte, er wolle einen Film darüber machen, war ich gleich angefixt. Meine Intention war, die Leute auf das Thema aufmerksam zu machen.

Es gibt Folterszenen und welche, in denen Daniel, den du spielst, so tut als wäre er infolgedessen geistig behindert. Wie hast du dich auf solche Szenen vorbereitet?

Ich habe mit Florian besprochen, in welcher Form er das haben möchte und musste für mich selbst herausfinden wie realistisch das ist. Deshalb hab ich mit einem Professor von der Charité gesprochen und ihn gefragt, wie man sich das vorstellen kann oder was für Effekte möglich wären, wenn einem permanent Psychopharmaka verabreicht werden. Die Colonia Dignidad hat ja mit allen möglichen Medikamenten rumprobiert. Ich hab mir auch vieles an Bild- und Videomaterial von Menschen, die solche Schäden davon getragen haben, angeguckt.

Musstest du manchmal ganz bewusst von solchen Szenen Abstand nehmen? Dich emotional davon distanzieren?

Ja, das war intensiv und schwer zu verdauen. Wir hatten einen Betroffenen als Betreuer, der sein ganzes Leben dort gelebt und seine Kindheit und Jugend dort verbracht hat, sprich dort geboren wurde. Er ist aus dieser zweiten Generation der Colonos, die es gab. Das war ganz schön schockierend, sich mit ihm zu unterhalten, weil er so offen war und wirklich ins kleinste Detail hin beschreiben konnte, was da alles vor sich ging und was er erlebt hat. Das ist wirklich sehr, sehr schrecklich für einen, weil man in dem Moment merkte, dass das keine Fiktion ist, was wir machen, sondern dass bestimmte Dinge wirklich so stattgefunden haben. Florian hatte auch ganz furchtbares Originalmaterial, zum Beispiel viele Tonaufnahmen der Predigten von Paul Schäfer (der Anführer der Sekte, Anm. d. Red.). Es ist tatsächlich alles viel schrecklicher, als es im Film dargestellt wird. Man kann bei diesen Tonbandaufnahmen kaum hinhören. Im Film mussten wir das reduzieren, weil das für den Zuschauer sonst gar nicht zu verkraften wäre.

Mal ein schöneres Thema. Du bist einer der wenigen deutschen Schauspieler, der international erfolgreich ist. Wie hast du das angestellt?

Weiß ich selber nicht (lacht). Das ist nichts, was man planen oder lenken kann, weil es in unserem Beruf immer unvorhersehbar ist. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich bestimmte Filme gedreht hab. Deutsche Filme, die aber eine internationale Wirkung hatten und von ausländischen Regisseuren gesehen wurden, amerikanischen zum Beispiel, die daraufhin Interesse an mir zeigten. Man muss einfach darauf hoffen, dass zur richtigen Zeit, von dem richtigen Regisseur, das richtige Projekt eingetrudelt kommt und man dann auch noch genommen wird. Das war für viele von uns natürlich am Anfang Quentin Tarantinos INGLORIOUS BASTERDS. Der Film RUSH von Ron Howard hat für mich noch weiter die Türen in Amerika geöffnet. Trotzdem bin ich da echt entspannt, weil ich in Europa wahnsinnig glücklich bin und mich zu Hause fühle. Es war nie mein Ziel, von Anfang an nicht und auch immer noch nicht, nach Hollywood zu ziehen. Ich kann verstehen, dass einige das gerne machen. Ich war erst letzte Woche dort zu einem Nachdreh von CAPTAIN AMERICA und wenn man im Februar hier aus der grauen Suppe in den Sonnenschein nach Los Angeles kommt, hat das schon was für sich. Trotzdem zieht es mich nach einer Woche wieder nach Europa, weil ich hier so glücklich bin und zwischen Berlin und Barcelona pendle. Mein Wunsch für die Zukunft wäre immer wieder mal im Ausland arbeiten zu dürfen, aber immer hier zu bleiben.

Daniel (Daniel Brühl) wird während des Putsches 1973 in Chile vom Militär gefangen genommen.
© Majestic / Ricardo Vaz Palma

Durch Filme wie zum Beispiel INGLORIOUS BASTERDS hast du es ganz gut geschafft dein Image als Netter in Deutschland abzulegen. Hat dich sowas nach Hollywood verfolgt?

Was an den Amerikanern total schön ist, ist deren Unvoreingenommenheit. Die wussten überhaupt nichts von einem Label, das mir aufgedrückt wurde. Ich glaube, die Rolle des Niki Lauda hätte mir kein deutscher Regisseur angeboten, was enttäuschend ist. Eigentlich müssten die Leute ja wissen, wie man auch sonst ist. Ganz am Anfang hab ich Filme wie DAS WEISSE RAUSCHEN gemacht. Ich weiß nicht, ob jemand diese Rolle, diesen Jungen, gern als Schwiegersohn hätte. Ich hab das selber nie verstanden, dass Leute einen immer nur als eine Sache sehen, in meinem Fall als den Netten. Die Anfragen aus dem Ausland, die in den letzten zwei Jahren kamen, welche ich zum Teil angenommen, zum Teil nicht angenommen hab, waren alle für den Bösewicht. Also alle konträr zu dem, was aus Deutschland kam. Allein schon deshalb macht es total viel Spaß und ist erfrischend im Ausland zu tun zu haben.

Es heißt, Emma Watson habe ihre Rolle in COLONIA DIGNIDAD nur angenommen, weil sie mit dir zusammenarbeiten wollte.

(Ironisch) Klar. Natürlich. Glaub ich hundertprozentig. Wie sollte es auch anders sein? (lacht)

Sie soll ein total großer Fan von dir sein.

Auch zu recht (lacht). Ich möchte ihr das mal glauben, das hat sie mir auch ein paar Mal gesagt, was mich total gefreut und geehrt hat. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren noch nicht gedacht, dass "Hermine" einen Film annimmt, weil ich mitmache. Ich seh das Ganze natürlich genauso, das beruht also auf Gegenseitigkeit. Es geht immer auch darum mit wem man zusammen spielt. Das wichtigste bleibt das Drehbuch, dass die Rolle irgendetwas in dir auslöst und wer Regie führt, aber es ist auch ganz wichtig, wer die Partner sind. Das macht den Reiz aus und da hab ich in den letzten Jahren irres Glück gehabt. Vor allem was Kolleginnen angeht. Ich hab mit den besten, tollsten Schauspielerinnen zu tun haben dürfen. Zuletzt mit Jessica Chestain, eine meiner Lieblingsschauspielerinnen. Dann waren da Helen Mirren, Jane Fonda und Sienna Miller. Aber auch männliche Kollegen, ob es jetzt Benedict Cumberbatch, Bradley Cooper oder Chris Hemsworth war. Das macht die ganze Sache für mich spannend. Es ist völlig absurd, dass man mit Robert Downey Jr. und Chris Evans in einem Zimmer steht. Das tolle bei denen ist immer, bei Engländern wie bei Amerikanern, dass die so wahnsinnig locker sind und einem jegliche Befangenheit nehmen.

Das hab ich mich jetzt auch gefragt. Wie fühlt sich das an, wenn du plötzlich in einem Raum stehst und von Hollywood-Stars umgeben bist?

Die machen das so gut, dass du das vergisst. Die Zeit davor war ich aufgeregt, wenn man weiß "oh, jetzt geht’s los, wie wird das wohl sein? Werden die einen mit offenen Armen aufnehmen?". In CAPTAIN AMERICA bin ich zum ersten Mal dabei und spiel eine Nebenrolle, während die sich alle schon seit Ewigkeiten kennen. Da denkst du, das wird wie in der Schule, dass du in der neuen Klasse wie der Kurt in der Ecke stehst und keiner mit dir spielen will. Aber Chris Evans, der Captain America, hat mir gleich am ersten Drehtag gesagt: "So, pass auf, heute ist ein Basketballspiel, komm doch mit, ich hab eine Karte für dich besorgt und danach gehen wir Abend essen". Man verliert komplett die Befangenheit, weil die einen am Sozialleben um den Film herum teilhaben lassen. Mit Bradley Cooper war's zum Beispiel so, dass wir uns schon nach zehn Sekunden scheckig gelacht haben. Er ehrlich gesagt über einen sauschlechten Witz von mir, wahrscheinlich aus Höflichkeit.

Du hast mal in einem Interview gesagt, die Leute würden nur noch leere Phrasen von sich geben, damit sie nicht zerrissen werden. Hast du schon mal etwas in einem Interview gesagt und später bereut?

Ständig (lacht). In diesem Interview bestimmt auch schon wieder. Diese spanisch-kölsche Mischung, die ich bin, ist immer tödlich, weil es viel Geblubber ist, aber ich nehm das auch gar nicht mehr ernst. Gerade im Internet, wo Sachen zerstückelt, Wörter komplett aus dem Zusammenhang gerissen werden, eine völlig neue Bedeutung entsteht und die Leute sich daran auch noch ergötzen. Ich glaube, da muss sich jeder von uns heute lockermachen, weil das eh ein unkontrollierbares Biest ist, dieses Internet. Man kann sich nur dadurch helfen, dass man sich nichts mehr durchliest. Ich lese eigentlich so gut wie gar keine Kritiken mehr, nur von denen, die ich persönlich kenne und von denen ich denke, dass sie meinem Geschmack ein bisschen entsprechen. Ansonsten will ich mir das Leben nicht mehr durch das Lesen von Kritiken und schon gar nicht irgendwelche Kommentare im Internet vergraulen. Das kann einen wirklich in Depressionen stürzen. Es ist schrecklich, dass da so viel Bitterkeit und so viel Hass ist. Ich frag mich auch immer, wer diese Menschen sind, die sich die Zeit nehmen jeden Mist zu kommentieren und ihre Gülle und ihr Gift ablassen. Das ist echt gruselig. Also besser nicht so oft googlen.


Colonia Dignidad

ab 18. Februar 2016 im Kino
Regie: Florian Gallenberger
mit EMMA WATSON, DANIEL BRÜHL und MICHAEL NYQVIST

Chile, 1973. Lena und Daniel geraten während des Militärputsches in die Fänge der Geheimpolizei. Daniel wird verschleppt und Lena findet heraus, dass er in der hermetisch abgeriegelten Colonia Dignidad im Süden Chiles festgehalten wird. Nach Außen ein deutsches Musterdorf unter der Führung des Laienpredigers Paul Schäfer,kollaboriert die Colonia in Wahrheit mit Diktator Pinochet und lässt ihn dort politische Gefangene foltern und töten. Lena beschließt, sich der berüchtigten Sekte anzuschließen, um Daniel zu befreien...

Erstellt von: lls

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