Interview mit Fatih Akin

„Die Welt, in der ich mich bewege, ist eine bunte Welt“

Der deutsche Kultregisseur Fatih Akin hat mit uns über seinen neuen Film TSCHICK, verkommene Jugendfilme, Hollywood und seine Begeisterung für Literatur gesprochen. 

Interview: Linda Schulzki


Fatih Akin
© Studiocanal

Ich treffe Fatih Akin während der Hamburg Premiere zu seinem neuen Film "Tschick" – eine Literaturverfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Wolfgang Herrndorf. Viele Regisseure haben sich um den Film bemüht und am Ende ist es der deutsche Kultregisseur ("Gegen die Wand", "Soul Kitchen") geworden. Während nebenan im Szenekino Abaton der Film läuft, hetzt Akin von einem Interview zum nächsten bis es halb zehn ist und die anderen des Filmteams bereits beim Essen sitzen. Zu diesem ungünstigen Moment bin ich endlich mit meinen Fragen dran. Als er hört, dass ihm noch ein Interview bevorsteht, hör ich von ihm ein "Echt jetzt?! Wer? Du?! Na gut, zehn Minuten!". Für einen kleinen Augenblick bin ich entmutigt, stelle aber schnell fest, dass Akin seinen Hunger nicht an mir auslässt und sich mit mir stattdessen ganz entspannt, wenn auch kurz, über Filme unterhält – und dabei seine Hamburger Schnauze offenbart.


amicella: Einstiegsfrage: Schon mal was geklaut als Jugendlicher?

Fatih Akin: Ja, hab ich. Bücher! (lacht)

Du wolltest Tschick sofort verfilmen. Was hat dich an dem Buch so gepackt?

Die Liebe, mit der Herrndorf seine Figuren zum Leben erweckt. Du spürst, dass der Typ die Figuren liebt, als wären es seine Kinder. Das überträgt sich auf den Leser. Ich fand das reizvoll und hab mir zugetraut diese Liebe für die Leinwand zu adaptieren.

Was muss ein Drehbuch oder eine Geschichte mitbringen, damit du von dem Projekt überzeugt bist?

Das Material muss eine Dimension haben, bei der ich denke: „Ja, da ist ein Film drin, den ich mir gern auf der Leinwand angucken würde“. Und ich hoffe, natürlich, dass er, wenn ich ihn sehen will, anderen auch so gefällt.

Du hattest zwei 14-Jährige als Hauptdarsteller. War das eine neue Herausforderung für dich?

Das war cool und auf jeden Fall sehr erfrischend mit ihnen zu arbeiten. Teenager sind nicht ganz so vollgeschissen im Kopf wie Erwachsene und gerade die beiden sind so schlaue Kids. Super empathisch, echt lieb, klug, fleißig und begabt. Also ich kann nur von denen schwärmen. Die geben dann ihre Nicht-Vollgeschissenheit weiter, sie stecken damit die Erwachsenen um sie herum an.

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass du Jugendfilme, wie „Tribute von Panem“ oder „Transformers“ albern und peinlich findest. Welche Filme haben dich in deiner Jugend geprägt? Was hatten die, das „Tribute von Panem“ nicht hat?

Solche Filme finde ich vor allem hysterisch. Und laut. Das Kino ist scheinbar zu einem lauten Jahrmarkt verkommen. Vielleicht war das auch schon immer so und kommt mir jetzt nur so vor. Ich mag Filme wie „Stand by me“. Ich weiß nicht, ob du den kennst?

Kenn ich.

Oder „The Breakfast Club“. Da sind nur ein Klassenraum und ein paar Kinder, die nachsitzen müssen. Das ist ein Kultfilm.

Und ein Lehrer.

Stimmt und ein Lehrer, der kommt und geht, ne? Der böse Lehrer. Das sind für mich die geilsten Dinger. Diese Filme, das sind meine Freunde. Die Filme waren bodenständig und sowas wollte ich mit „Tschick“ auch schaffen. Das muss doch heute noch gehen. Es muss doch nicht old school oder retro sein, wenn man das so macht.

Alle lieben das Buch „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Hast du nachdem „The Cut“ gefloppt ist mit dieser Literaturverfilmung auf safe gespielt?

Ich hab nicht das Gefühl gehabt, dass das auf safe war. Dafür ist es halt auch „Tschick“, das ist die heilige Kuh. Wenn du die in den Sand setzt, dann kreuzigen sie dich. Vergiss es, dann bist du gefickt. Deshalb war das für mich vor allem eine Herausforderung. Aber es ist halt gutes Material. Es ist für einen Film sehr gut geschrieben und ich hatte Bock es zu verfilmen. Ich wollte auch wissen, ob ich das kann. Ab dem Moment wo ich mich dazu entschieden hab es zu verfilmen hatte ich nicht mehr so große Zweifel. Ich hatte keine Zeit mehr für Zweifel, weil ich so einen straffen Zeitplan hatte.

Du bist quasi in die Dreharbeiten so reingerutscht, richtig?

Genau, da ist einer ausgefallen und ich bin da rein. (Anm. d. Red.: Regisseur David Wnendt ist auf Grund kreativer Differenzen aus dem Projekt ausgeschieden.)

Fathi Akin (Mitte) mit Tristan Göbel (rechts), Anand Batbileg (links) und dem heimlichen Star des Films, der blaue Lada.
© Studiocanal

Der Autor, Wolfgang Herrndorf, ist gestorben und konnte den Film nie sehen.

Bevor der Film auch überhaupt an einen Produzenten verkauft wurde.

Hättest du ihn gern noch etwas gefragt?

Wenn ich Herrn Herrndorf etwas gefragt hätte, dann nicht „Ey, Alter, wie stellst du dir den Film vor?“, sondern ich hätte ihn wahrscheinlich zum Schreiben befragt, weil ich mich auch für die Schriftstellerei und Literatur interessiere. Nicht weil ich selber schreibe, aber ich lese viel. Ich hätte ihn gefragt, wie seine Techniken sind, wie er zu Adverbien steht, solche Sachen.

Was liest du denn?

Jetzt im Augenblick? Ich lese voll querbeet. Das Buch, das ich jetzt gerade lese, ist eine Biografie von Coco Schumann. Das war dieser Ghetto Swinger. Ein Swing- und Jazzmusiker, der im KZ war. Das hab ich Zuhause rumliegen sehen und dachte bevor ich das zum Flohmarkt gebe, les ich mal zehn Seiten. Ich hab Bücher aussortiert, weil ich ein neues Regal hab. Ich hab wahnsinnig viele Bücher, die ich noch nicht gelesen hab.

Du hast mal gesagt, dass dein Ziel Hollywood ist. Ist das das Nonplusultra für dich als Regisseur?

Das ist halt auch eine Herausforderung. Da bin ich wie Jackie Chan, der wollte auch immer nach Hollywood. Immer, immer, immer. Jackie Chan hat, von dem was er auf amerikanischem Boden gedreht hat, einen richtig fetten Studioerfolg erst mit „Rush Hour“ geschafft und da war er schon fünfzig oder so. „Die große Keilerei“ und auch später „Rumble in the Bronx“ das saß alles noch nicht. Diese Szene in „Rush Hour“ wo er auf einem Bus einen Kampf hat und dann an diesem Schild hängenbleibt... Jackie Chan hängt an dem Hollywood-Schild. Ja, wenn ich fünfzig bin vielleicht, was ja nicht mehr so lange ist, in sieben Jahren schon.

Was machst du als erstes, wenn dieser Traum in Erfüllung geht?

Ich finde Gangs in Los Angeles interessant. Gangs aus Kambodscha, die in Los Angeles leben, so ein Stuff. So Straßenzeug. Oder Mexikaner Gangs.

Du hast dich bisher oft mit dem Thema Migration beschäftigt. Wird das auf jeden Fall Thema immer wieder vorkommen oder hatte sich das nur so ergeben?

Die Welt, in der ich mich bewege, ist halt eine bunte Welt. Ich bin nie nur mit Whiteys unterwegs. Wäre ich nur mit Whiteys unterwegs, dann wäre ich ja der einzige Kanacke und das ist schon wieder so ein Ding. Die Welt, in der ich lebe, ist halt eine globalisierte Welt.

Und das spiegelt sich automatisch in deiner Arbeit wieder?

Exakt so ist es. Sind wir durch?

Ja, guten Appetit!

Tschick

ab 15. September 2016 im Kino
Regie: Fatih Akin
nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
mit TRISTAN GÖBEL, ANAND BATBILEG, MERCEDES MÜLLER, UWE BOHM, UDO SAMEL, ANJA SCHNEIDER u.v.m.

Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Assistentin auf "Geschäftsreise" ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik Klingenberg die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn – und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Die Geschichte eines Sommers, den wir alle einmal erleben wollen ...

Erstellt von: lls

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