Mode und Identität

Du bist, was du trägst? Was unsere Mode über uns aussagt

Manchmal ist Mode eben mehr als nur schick – sie ist Ausdruck unserer selbst und unserer Identität. Klingt einfacher, als es bisweilen ist.

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"Kleider machen Leute", damit hat Gottfried Keller dereinst auf den Punkt gebracht, was ohnehin klar sein dürfte, seit die Menschen Kleidung tragen: An den Klamotten lässt sich mehr oder weniger gut ablesen, mit wem wir es zu tun haben. Es lassen sich womöglich sogar schon einigermaßen treffende Rückschlüsse darüber ziehen, was diese Person macht, was sie denkt, wie sie lebt. Oder? Stimmt das in unserer heutigen, ach so wandelbaren und schnelllebigen Zeit überhaupt noch? Ist Mode überhaupt noch imstande, Identität zu stiften? Oder sollten wir uns, wo doch ohnehin alle die Individualisierung in der Globalisierung feiern, von dem Gedanken verabschieden, dass Mode überhaupt noch eine sinnstiftende Rolle spielen kann?

Wenn Kleidung nicht nur Kleidung ist

Damit an dieser Stelle keine Missverständnisse aufkommen, es muss eine Grenze gezogen werden zwischen „Kleidung“ auf der einen und „Mode“ auf der anderen Seite. Sicher, unterm Strich sind mit beiden Begriffen Dinge gemeint, die wir uns anziehen können. Aber bei allem, was Mode ist, erschöpft sich der Sinn nicht in praktischer Nützlichkeit. Umgekehrt würde ansonsten ja auch ein Malerkittel schon als Mode durchgehen.

Das ist nicht einmal undenkbar, es bräuchte dafür nur den richtigen Kontext. Kleidungsstücke werden schließlich zu Mode, weil sie bestimmte ästhetische Kriterien erfüllen, die sie über die „normale“ Kleidung hinausheben. Dennoch ist die Hürde für die vorwiegend bis ausschließlich nützlichen Stücke natürlich sehr hoch. Was unter anderem daran liegen mag, dass – um beim Beispiel Malerkittel zu bleiben – diese Kleidungsstücke in ihrer handelsüblichen Form eben vornehmlich Wert auf die Nützlichkeit legen. Form folgt Funktion, aber eben nicht unbedingt auch in den ästhetischen Dimensionen der ursprünglichen Bauhaus-Denkweise.

„Mode“ trägt also, wenn auch nicht immer sofort erkennbar, die Nützlichkeit durchaus noch in sich und erfüllt die grundlegenden Funktionen, die wir von Kleidung erwarten: Bedeckt unseren Körper und schützt uns vor äußeren Widrigkeiten. Gleichzeitig drückt sie aber einen ganz bestimmten ästhetischen Stil aus – und an den sind wieder weitere Ausdrucksmöglichkeiten geknüpft. Was wiederum daran liegt, dass Mode nicht nur die besagte ästhetische, sondern auch eine kulturelle Komponente hat. Das entspricht dem eingangs erwähnten Kleider-machen-Leute-Prinzip.

Mode ist immer auch Ausdruck unserer Persönlichkeit und unserer Lebenseinstellung.
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Die Zeiten ändern sich

Grundsätzlich bedeutet das für den Umgang mit anderen Menschen immer noch: Wenn du mir zeigst, was du trägst, dann sage ich dir, wer du bist. Weil das Zusammenwirken von Ästhetik und kultureller Aufladung – dem Image – zugleich eine Identität schafft. Die Kleidung, die wir tragen, wird so zu einem sichtbaren Ausdruck dessen, wer wir sind.

Wer teure Designerklamotten trägt und nicht gerade – wie der Protagonist in Gottfried Kellers "Kleider machen Leute" – ein Hochstapler ist, dürfte dementsprechend über das dazu notwendige Einkommen verfügen, dürfte also einer bestimmten Gesellschaftsklasse angehören und dürfte deswegen mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmte Vorlieben und Umgangsformen haben. Manchmal verrät die Mode sogar, wo wir herkommen, obwohl zumindest einige Erscheinungsformen von Trachten längst über die ursprünglich gültigen regionalen Grenzen hinaus verbreitet sind. Das Prinzip funktioniert trotzdem so oder in ähnlicher Weise mit jeder Form von Mode.

Wenn sie keinen direkten Aufschluss über unseren gesellschaftlichen Hintergrund erlaubt, dann zumeist immer noch einen über uns als Person. Sind wir hipp? Konservativ? Jugendlich oder wollen zumindest den Eindruck erwecken, es zu sein? Haben wir den Swag? Oder sind wir Hipster? Rocker? Die Identifizierung mag in Teilen oberflächlich bleiben, trotzdem ist Mode ein Instrument, uns und andere in bestimmte Kategorien einzuteilen.

Abgesehen davon, dass eine solche Herangehensweisen ihre Schwächen hat und Vorurteilen (so wie der Möglichkeit, bewusst mit ihnen zu spielen) Tür und Tor öffnet, muss sie gerade in der heutigen Zeit hinterfragt werden. Denn die Zeiten und der Umgang mit Mode ändern sich, in vielerlei Hinsicht.

Modeblogger

Bestes Beispiel und ein ausgemachtes Phänomen unserer Zeit: Die Heerscharen an Modebloggern, die ihre Affinität zu angesagter Mode in den sozialen Medien ausleben, auf einer quasi beruflichen Ebene. Bei genauerer Betrachtung dieser Gruppe ergeben sich nämlich verschiedene Probleme.

1. Die Szene verändert sich:

Der Hintergrund von Fashion-Blogs war vornehmlich, einem größeren Publikum den eigenen Stil zu präsentieren. Seht her, ich habe diese Tasche von Designer X hier gefunden und die passt doch super zu dem Strick-Cardigan von Marke Y und ich bin die/der Allererste mit der Idee, beides zu kombinieren.

Vor ein paar Jahren war es das gesetzte Ziel der Fashionistas, neue Stile zu entdecken, selbst wenn man die nur selbst gut finden konnte. Aber Individualität ist schließlich eines der größten modernen Schlagwörter überhaupt, also sei’s drum. Mittlerweile sind die Blogs aber zu einem erweiterten Werbe-Arm der Modeindustrie geworden, mit einem spürbaren Wandel der Funktion – neue Trends werden nicht selbst kreiert, sondern vorgestellt. Blogger werden zu Influencern, mit den entsprechenden Folgen.

2. Der eigene Stil contra die Identität der Gruppe:

Daraus folgt für den einzelnen unter Umständen ein persönliches Dilemma. Um bei der Community relevant zu sein oder zu bleiben, muss der persönliche Stil möglicherweise hintanstehen. Und damit die eigene Identität, weil diese nicht mehr mit der Identität der Gruppe konform ist. Eine gewissermaßen absurde Entwicklung, denn auf diese Weise wird eine Gruppe aus unterscheidbaren Individuen eine homogene, ja fast schon uniforme.

Immerhin, wer seinen Lebensinhalt nicht gerade auf der Anzahl seiner Instagram-Follower aufbaut, kann natürlich jederzeit seine Identität und den persönlichen Stil nehmen und die Gruppe verlassen. Auch bei Mode gilt schließlich die Wahlfreiheit.

Subkulturen

Diese Wahlfreiheit macht sich übrigens anderswo feststellen, etwa wenn es darum geht, die Angehörigen von bestimmten Subkulturen zu identifizieren. Nicht dass das bei vielen unmöglich geworden wäre, im Gegenteil. Man muss nicht nach Wacken fahren, um sich davon zu überzeugen, dass unter den Metal-Fans nach wie vor bestimmte Kleidungsvorlieben vorherrschen, üblicherweise sogar unabhängig vom Alter.

Modebewusst und im Wandel der Zeit

Selbstverständlich ist das nicht mehr, wie sich insbesondere an der Hip Hop-Szene und ihrer Art sich zu kleiden erkennen lässt. Übergroße und deutlich unter Hüfthöhe getragene Baggyhosen finden sich, wenn überhaupt noch, nur vereinzelt. Die neuen Generationen von Rappern und deren Anhängern prägt ein anderes, moderneres Erscheinungsbild, zum Teil sogar recht konträr zu vergangenen Tagen der Szene. Ob das eine bewusste Abkehr von früheren Moden ist, muss dahingestellt bleiben. Immerhin haben sich Hip Hopper seit jeher stets als modebewusst und kleidungstechnisch auf der Höhe der Zeit gezeigt.

Die Hip Hop-Szene beweist seit ihrer Entstehung ihre modische Wandelbarkeit.
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Du bist, was du trägst – aber glücklicherweise nicht ausschließlich

Sobald also die Frage nach dem identitätsstiftenden Charakter von Mode die persönliche Ebene verlässt, besteht auf unterschiedliche Art und Weise die Gefahr, die eigene Identität zumindest ein Stück weit aufzugeben. Lässt sich das verhindern? Vermutlich nicht ohne Verzicht. Andererseits zeigen sich an dieser Stelle einmal mehr die Grenzen, die der Mode als Ausdruck der persönlichen Lebensgestaltung, ja der Persönlichkeit schlechthin gesetzt sind: Die Deutungshoheit obliegt nicht immer uns alleine, Missverständnisse sind daher manchmal vorprogrammiert.

Andererseits kann uns das in den meisten Fällen doch aber auch egal sein. Wie es um das Verhältnis von unserem Inneren und unserem äußeren Erscheinungsbild tatsächlich bestellt ist, wissen wir schließlich selbst am besten. Und das lässt sich mit einem einzigen Blick auf unsere Garderobe auch nur schwerlich herausfinden. Individualität und Schubladendenken gehen nämlich beim besten Willen nicht zusammen.

Was die anderen vom persönlichen Modegeschmack denken? Manchmal nicht so wichtig.
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