Vorsorge und Finanzen

"Das größte Risiko, das Frauen eingehen, ist sich auf die Ehe zu verlassen"

Frauen und Finanzen, das galt lange Zeit und noch bis vor wenigen Jahrzehnten als unschicklich - etwas, das wie Feuer und Wasser nicht zusammenpasste und auch nicht zusammengehören sollte. So erlebte es auch Susanne Kazemieh als sie Ende der 1980er Jahre in die Finanzbranche eintrat. Fast 30 Jahre später weiß sie: "Frauen sind sehr erfolgreiche Anlegerinnen."

Seit 1989 betreibt Susanne Kazemieh die Frauen Finanz Gruppe in Hamburg.
Foto: © PR / Ingo Rappers

Die studierte Sonderpädagogin und Mutter ging damals zu einem Finanzberater, um sich um die Familienfinanzen zu kümmern. Schnell wurde ihr klar, dass da etwas nicht stimmte, sie nicht wirklich ernst genommen wurde. Sie begann sich auf eigene Faust näher mit dem Thema zu befassen, das bemerkten auch Freundinnen, die sie zunehmend um Rat fragten. "Mir wurde immer deutlicher, dass Frauen beim Thema Finanzplanung zu wenig involviert sind. Da wusste ich, was meine neue Aufgabe war." 1989 gründet sie die Frauen Finanz Gruppe, damals noch als absolute Exotin auf dem Gebiet. Zunächst arbeitet sie von Zuhause aus, später zieht das Büro nach Hamburg Eppendorf, bis es 2001 schließlich so groß wird, dass eine ehemalige Sparkassenfiliale das neue Zuhause der Gruppe wird. Mittlerweile betreuen Kazemieh und ihre Kolleginnen gut 10.000 Kunden, rund ein Fünftel davon sind indes Männer.

In den vergangenen knapp 30 Jahren, die sie nun in der Branche tätig ist, hat sich in Bezug auf das Thema Frauen und Finanzen bereits einiges getan, dennoch merken Kazemieh und ihre Kolleginnen immer wieder, dass die klassische Versorgerehe, in der die Frau sich auf das Einkommen des Mannes verlässt, bzw. die Entscheidungsgewalt über das Vermögen dem Mann überlässt, nach wie vor ein Thema ist. "Geld ist eine sehr unromantische Angelegenheit, viele Frauen trauen sich in einer Beziehung nicht das Thema anzusprechen. Sie befürchten dadurch nicht gut anzukommen und geldgierig zu wirken." Gerade hier liege das Problem: "An uns Frauen wird zu oft die Erwartungshaltung gestellt, dass wir alles aus reiner Liebe tun sollen. Davon müssen wir uns befreien."

Deutschland hat Nachholbedarf

Im Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums wird die Gleichstellung der Geschlechter in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Politik und Gesundheit international verglichen. Im aktuellsten Bericht von 2015 liegt Deutschland derzeit auf Platz 11. Immerhin: 10 Jahre zuvor lag die Bundesrepublik noch auf Platz 20. Trotzdem sind viele europäische Länder nach wie vor weiter vorne. Auch Staaten wie Ruanda oder die Philippinen belegen noch immer bessere Platzierungen als Deutschland. Besonders bei der Verteilung höherer Jobpositionen wie Gesetzgebern, höheren Beamten oder Managern herrscht hier noch ein starkes Ungleichgewicht: Nur rund 29 % der Frauen, aber 71 % der Männer bekleiden der Studie zufolge solche Positionen in Deutschland. Auf den Philippinen (Platz 7) liegt die Frauenquote bei besagten Ämtern hingegen bei 57 %. Auch beim Lohn für Frauen und Männer in den gleichen Jobpositionen liegt Deutschland im Teilranking lediglich auf Platz 101 von 145. In der Tat verdienen deutsche Frauen im Schnitt nach wie vor rund 22 % weniger als ihre männlichen Kollegen, zum Teil in den gleichen Positionen, und haben daher auch meist insgesamt weniger Geld zur Verfügung. Dadurch werden sie auch in ihrem Anlageverhalten vorsichtiger: "So wie Geld für mich ein 'Mangelthema' ist, werde ich natürlich vorsichtiger. In dem Maße wie Geld einfach übrig ist, traue ich mich selbstverständlich auch schneller ganz andere Risiken einzugehen", weiß auch Kazemieh.

Frauen legen anders an als Männer

Das Klientel der Frauen Finanz Gruppe ist mittlerweile bunt gemischt - von Schülerinnen, Auszubildenden und Studentinnen, Frauen, die sich selbständig machen wollen und bereits Selbstständigen bis hin zu Vermögenden, Erbinnen, Frauen vor der Eheschließung oder auch solchen, die sich fragen, ob sie sich eine Scheidung überhaupt leisten können. Auch wenn Frauen insgesamt zunächst vorsichtiger sind, so ist dies keineswegs mit Risikoscheu gleichzusetzen meint Susanne Kazemieh: "Frauen sind nicht unbedingt risikoscheuer, ich würde sie eher als risikobewusster bezeichnen“. Sie würden vor einer Entscheidung mehr abwägen als Männer. "Wenn sich Frauen an das Thema Geld wagen, macht es ihnen meist nach kurzer Zeit sogar richtig Spaß und sie sind mindestens genauso erfolgreich wie ihre männlichen Mitstreiter." Männer würden häufig auf den "todsicheren" Tipp setzen und wenn es nicht so gut läuft, mehr in ihrem Anlageverhalten wechseln als Frauen. Aber: "Hin und her macht nun mal die Taschen leer", weiß Kazemieh. Risikostreuung, das ist für die Finanzberaterin ohnehin das A und O. "Es sollte immer ein Mix vorherrschen, nie sollten alle Eier in einen Korb gelegt werden. Das ist auch schon durch kleinere Monatsbeträge möglich, zum Beispiel mit einem Fonds. Es gibt grundsätzlich keine komplett sichere Geldanlage." Deshalb rät sie ihren Kundinnen und Kunden immer wieder: "Streuen, streuen, streuen!"

Ein weiterer Unterschied im finanziellen Anlageverhalten zwischen Frauen und Männern sind die Kriterien nach denen Finanzprodukte ausgewählt werden. Eine Studie der internationalen Unternehmensberatung A.T. Kearny und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov ergab, dass Frauen sich insgesamt häufiger an ethischen Kriterien orientieren. Das bestätigt auch Susanne Kazemieh aus eigener Erfahrung: "Wir merken hier immer wieder, dass Frauen unterm Strich nachhaltiger denken, also auch im Sinne von ökologisch, umwelt- und sozialverträglich. Sie gehen mehr in die Verantwortung, auch für nachfolgende Generationen." Männer sind auch insgesamt an der Börse aktiver. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Mann in Aktien, Fonds und Anleihen investiert, bei den Frauen war es lediglich jede Sechste. Deutschland sei im internationalen Vergleich ohnehin nicht so "anlagefreudig", wenn es um Aktien ginge, meint Kazemieh. Trotzdem würden auch immer mehr Frauen den Schritt an die Börse wagen.

Geld muss angesprochen werden - auch wenn es unromantisch ist

Das Thema finanzielle Unabhängigkeit sollte für Frauen noch mehr zur Selbstverständlichkeit werden. Für viele ist es das schon, dennoch gibt es in dem Bereich nach wie vor Aufholbedarf. Durch das Bild der klassischen Versorgerehe, was nach wie vor bei einigen Frauen vorherrscht, werden Ehen noch immer vertragslos geschlossen. Kommt es in einer solchen Ehe dann wider Erwarten zur Scheidung, sind Frauen, die zum Beispiel durch Kindererziehungszeiten, in denen sie für die Familie im Beruf ausgesetzt haben, dann häufig stark benachteiligt - ihnen fehlen wichtige Beiträge zur Renten- und Sozialversicherung, die in dieser Zeit stagnierten. Deshalb rät Kazemieh besonders jungen Frauen, die vor einer Eheschließung zu ihr kommen, solche Dinge vorher vertraglich festzulegen. "Wenn sich ein Paar zum Beispiel dazu entschließt, dass die Frau 3 Jahre Zuhause bleibt, dann müsste vorher vereinbart werden, dass die Beiträge für ihre Altersvorsorge in dieser Zeit vom Mann getragen werden", so Kazemieh. Hiermit wäre ein erster Schritt getan, doch bedarf es allgemein weiterer Maßnahmen, um die Gesamtsituation der Frauen zu verbessern – zum Beispiel auch in Bezug auf einen erneuten Berufseinstieg oder Arbeit in Teilzeit.

Grundsätzlich sei eine frühzeitige Altersvorsorge für junge Leute heutzutage unabdingbar. Die Rentenbeiträge, die derzeit eingezahlt werden, fließen direkt in die Versorgung aktueller Rentner. Dieses sogenannte umlagefinanzierte Rentensystem der Bundesrepublik funktioniert gut, so lange es genügend Beitragszahler und verhältnismäßig wenig Menschen mit Rentenanspruch gibt. Der momentane demografische Wandel bringt dieses System jedoch zunehmend ins Wanken: Das Verhältnis zwischen jungen und alten Menschen wird sich in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich dramatisch umkehren, sodass es zu wenig Beitragszahler für zu viele Rentner geben wird. Zahlreiche Experten raten jungen Leuten daher bereits frühzeitig an ihre Versorgung im Alter zu denken und zusätzlich eine private Rentenversicherung abzuschließen, um später nicht auf die staatliche Rente angewiesen zu sein. Auch Susanne Kazemieh rät jungen Kundinnen frühzeitig an ihre Altersvorsorge zu denken. Sie ermutigt sie allerdings eher über Aktienfonds-Sparpläne nachzudenken: "Es ist gemein, aber niemand kommt derzeit um eine frühzeitige Rentenvorsorge drum herum. Dass wir aktuell schon 20-jährige zu dem Thema beraten müssen ist eine Katastrophe, aber leider Realität."

Es geht in die richtige Richtung

Insgesamt muss sich nach wie vor noch einiges ändern, damit Frauen mit dem Thema Geld und Finanzen selbstbewusster und selbstverständlicher umgehen. Dennoch ist die Situation mit der vor einigen Jahrzehnten nicht mehr vergleichbar – der Weg geht in die richtige Richtung, Frauen werden zunehmend mutiger und unabhängiger im Bereich Vorsorge und Finanzen. Auch wenn es sein kann, dass dabei nicht immer alles perfekt läuft, weiß Susanne Kazemieh, dass es noch ein viel größeres Wagnis gibt: "Das größte Risiko, das Frauen eingehen, ist sich auf die Ehe zu verlassen."

Zur Person

Susanne Kazemieh ist Versicherungs- und Finanzmaklerin und betreibt die Frauen Finanz Gruppe seit 1989 in Hamburg. Sie ist Anlageberaterin und zugleich Referentin und Pressesprecherin der Gruppe. 1992 verfasste sie den "Versicherungs- und Rentenratgeber für Frauen" und 1994 das Buch "Frauen sorgen vor". Zusätzlich ist sie Autorin zahlreicher Fachartikel und Kolumnen.
www.frauenfinanzgruppe.de

Erstellt von: ts

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