Sobald wir angekommen sind

Passender könnte ein Titel nicht sein. Die Handlung wird von einer Reise nach Brasilien umrahmt. Ben, ein Schriftsteller, der seit Jahren nichts mehr veröffentlicht hat, flieht mit seinen Kindern und seiner eigentlichen Ex-Frau dorthin. In Zürich haben sie versucht, im Nestprinzip die Kinder großzuziehen. Seine Freundin lässt er zurück; der Grund für die Flucht ist die aufkommende Gefahr für Europa und die Schweiz durch den Krieg in der Ukraine. Ganz schön viel auf einmal für einen Roman – ja, das stimmt. Aber gerade deshalb ist dieser Roman auch ein faszinierendes Porträt unserer Gesellschaft im Umgang mit Krisen. Ben beschäftigt sich im Alltag nur am Rande mit der eigentlichen Bedrohung, vielmehr geht es darum, was seine Eltern, seine Freundin, seine Ex-Frau und letztendlich er selbst von sich halten. Amüsiert folgt man seinen Patzern, manchmal ärgert man sich über die Egozentrik seiner Gedanken, und oft erkennt man sich selbst wieder – vorausgesetzt, man ist so ehrlich mit sich selbst wie Ben auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis, der eine wirkliche Reise erforderte.
(Sobald wir angekommen sind, 288 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-07315-7)

 

 

Blickwinkel der Generationen

Literatur schafft Empathie, heißt es. Der Roman Dschinns von Fatma Aydemir tut genau das. Fakten über Gastarbeiter in Deutschland sind allgemein bekannt. Aber verstehen Außenstehende wirklich, wie sich das Leben in den Familien anfühlen könnte? Nicht so sehr, wie nach der Lektüre dieses Familienromans. Vater, Mutter und fünf Geschwister beschreiben ihre jeweilige Sicht auf ihr Leben. Die Vorstellungen verschiedener Generationen, ihre Wünsche, Wägbarkeiten und Aussichtslosigkeiten. Wir alle kennen das. Aber unter der Überschrift, Wurzeln in einer fernen Heimat zu haben, hat dieses Lebensgefühl noch andere Beimengungen. Dschinns verknüpft die 90er mit unserer Gegenwart und zeitgleich die Erinnerungen der älteren Generation an die Türkei mit den Herausforderungen einer sich emanzipierenden nachkommenden Generation. Unbedingt lesenswert!
(Dschinns, 368 Seiten, Hanser, ISBN 978-3-446-26914-9)