Ildikó von Kürthy findet es immer gut, wenn die Leute Kinder kriegen - sie selbst hat zwei. Am 17. August 2012 erschien ihr erstes Sachbuch, welches sich mit genau diesem Thema beschäftigt: Kinder - vom kleinen Punkt auf dem Ultraschallbild bis zum ersten herzergreifenden "Mama". Hinter dem Titel "Unter dem Herzen" verbergen sich unkontrollierbare Schwangerschaftshormone, Ängste und Glücksgefühle in ihrer reinsten Form und schließlich volle Windeln, schlaflose Nächte und der ewige Spagat zwischen Job, Kind und dem eigenen Leben.

amicella: Schon seit Ihrem ersten Buch "Mondscheintarif" finden sich Frauen in Ihren Figuren wieder – machen Sie mit dem autobiografischen Sachbuch noch einen Schritt näher an Ihre Leserinnen heran?
Ildikó von Kürthy: Hm... Ich weiß nicht. Mutter zu werden ist natürlich in der Tat ein Abenteuer, das viele Frauen erleben, deswegen schreibe ich ja auch darüber. Das Buch ist ein bisschen als Reisebegleiter in ein unbekanntes Land gedacht, welches vielen aber nicht mehr unbekannt ist. Insofern komme ich ihnen vielleicht näher, weil sie mehr von mir persönlich erfahren. Aber ich glaube, der Effekt, sich wiederzuerkennen wird genau so groß sein wie sonst auch in meinen Romanen.

Sie sagen über sich, dass Sie „stets den Weg des geringsten Widerstands“ wählen und von Natur aus nicht der geduldigste Mensch sind. Sind Kinder nicht der Widerstand in seiner reinsten Form? Sie haben jetzt ja schon zwei – wie hat sich das auf die Ungeduld ausgewirkt?
Leider gar nicht. Ich dachte, es würde mit der Geburt geschehen, dass man automatisch geduldiger wird und dass man gerne Kuchen backt und Laternen bastelt. Dem war aber nicht so. Insofern sind meine Kinder und ich für einander eine interessante Herausforderung. Den Weg des geringsten Widerstandes versuche ich eigentlich immer noch zu gehen und fahre damit ganz gut. Denn meistens ist der Weg, der einem am leichtesten fällt, der, auf dem die Talente liegen und die Lust und das Glück. In meinem Fall war es schon so, als ich mich für das Schreiben entschieden habe und nicht dafür, Chemikerin zu werden oder so was Ähnliches. Und insofern plädiere ich ziemlich dafür, zu überlegen: Womit bin ich glücklich? Wobei vergesse ich die Zeit? Wenn das auf dem Spielplatz so ist, ist das wunderbar und wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm.

Wie ist das mit der Erziehung? Man muss Kindern ja klare Grenzen setzen und diese auch ihnen gegenüber vertreten, wenn sie versuchen, sie einzureißen. Fällt Ihnen das schwer?
Das fällt mir tatsächlich schwer. Es wird auch ab und zu laut und ich bin auch nicht immer so konsequent wie es im Lehrbuch gefordert wird. Aber Kinder brauchen keine Spitzenpädagogen als Eltern sondern Menschen, an denen sie sich reiben können, und das kann man an mir sehr gut.

Keine Spitzenpädagogin, okay. Wie steht es um Ihre Liebe zu blinkendem buntem Plastikspielzeug? Noch da?
Das hat sich tatsächlich einen Hauch gegeben. Meinen Hang zum Kitsch konnte ich ja schon derartig austoben, dass ich jetzt gerade mehr in der reduzierteren Phase bin und eigentlich froh über alles, was nicht auf einmal angeht und blinkt.


"Der neugeborene Junge kommt als Actionheld zur Welt"


Ihr Großer wird in ein paar Wochen sechs – wie ist es mit iPods, Spielkonsolen und dergleichen? Viele Eltern machen da einen großen Bogen drum und ignorieren Worte wie Nintendo, i-Irgendwas oder Playstation auf dem Wunschzettel. Wie stehen Sie dazu?
Mit großer Zurückhaltung – aber es gehört ja zum Leben. Wir haben ein iPad, das ist aber noch was Besonderes, wird auf längeren Autofahren von den Kindern benutzt und nicht völlig verbannt. Auch eine halbe Stunde Fernsehen ist am Wochenende erlaubt. Es wäre albern, so zu tun als seien diese Dinge... Monster oder sowas. Selbst wenn es welche sind, müssen die Kinder eh lernen, damit zu leben – denn sie werden in der Zukunft ihren Alltag bestimmen.

Haben Sie sich mal bei dem Gedanken ertappt, lieber Mädchen haben zu wollen? Bei manchen Dingen, die Ihre Söhne von Ihnen fordern oder die sie tun, wie sie sich benehmen?
Oh ja! Sehr oft sogar. Es ist ja so, dass der neugeborene Junge als Actionheld zur Welt kommt und du überhaupt nichts dran ändern kannst. Jungs sind laut, voller Testosteron und sehr, sehr männlich – und zwar auf eine Weise männlich, wie das heutzutage nicht mehr angesagt ist. Das, was Jungs an Männlichkeit schon rein biologisch mitbringen, wird später total in Frage gestellt, weil es scheinbar nicht mehr nötig ist, so typisch männlich zu sein. Irgendwie ja auch zurecht. Ich glaube, es wird ein schwieriger Weg werden für meine kleinen Männer, eine Rolle zu finden, die männlich ist und trotzdem modern. Für Frauen ist das auf eine gewisse Weise leichter, wobei die Rollenfindung gerade jetzt sowieso in ein neues Zeitalter geht. Männer werden mehr Väter, Mütter sind nicht mehr nur Mütter. Alle müssen sich komplett neu orientieren.

Sie schreiben auch von dieser Problematik, in der heutigen Gesellschaft ein Mann zu sein. Welches Männerbild wollen Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben? Was macht in Ihren Augen einen Mann zu einem guten Mann?
Tja, was macht einen guten Mann aus? Eigentlich dasselbe was in Zukunft eine gute Frau ausmachen wird – nämlich ein zufrieden machendes Gleichgewicht zu finden zwischen Privat- und Berufsleben. Zwischen Kindererziehung und Egoismus. Das sozusagen ist die neue Aufgabe der Männer. Aber auch die neue Aufgabe der Frauen, weil beide sich in den letzten Jahrhunderten nur auf eines konzentriert haben. Dieses Gleichgewicht ist und wird für beide schwierig zu finden sein, aber letztlich ist es ja die große Aufgabe eines jeden, ein zufriedener, freundlicher Mensch zu werden.

In einem Interview von 2006 haben sie auf die Frage, ob sie wissen, welche Art von Mutter sie sein werden, geantwortet, dass Sie es nicht wissen. Jetzt – zwei Kinder später: Welche Mutter sind sie geworden? „Die Superglucke, die Schreckschraube oder die Mutter, die Ihr Kind aus Versehen in der Umkleide vergisst“?
Also ich bin von allem Etwas. Zum Glück habe ich keinen übersteigerten Perfektionsdrang, womit es sich viele Mütter leider sehr schwer machen. Und ich versuche immer MIT meinen Kindern zu leben und nicht FÜR meine Kinder. Das gelingt mal mehr und mal weniger.
 

"Die Süßigkeiten werden versteckt, damit ich mehr habe"


Was denken Sie, inwieweit Ihr Prominentenstatus Sie als Mutter beeinflusst? Denken Sie sich manchmal, dass das schlechte Benehmen Ihrer Kinder leichter auf Sie zurückfällt als auf jemanden wie „Karin Mustermann“, die am nächsten Tag schon wieder vergessen ist, wenn man sie mal mit ihrem schreienden, sich auf dem Boden wälzenden Kind gesehen hat?
Also erstens ist mir das völlig egal. Und zweitens hab ich ja auch keine Anleitung geschrieben, wie man perfekte Kinder großzieht. Ich habe offen und ehrlich gesagt, wie schwer es mit Kindern ist und wie sehr es mir auch oft genug misslingt. Also wenn man mich –  was man eigentlich täglich beobachten kann –  im Supermarkt verzweifelt mit zwei sich kloppenden Jungs erlebt, dann ist das nichts, was man nicht schon über mich gelesen hat. Insofern habe ich mich also vorher geoutet.

Und wo wir jetzt schon mal im Supermarkt sind: Ein zentrales Thema Ihres bisherigen Gesamtwerks ist das Essen und Ihre Liebe zum Essen. Essen Sie, jetzt da sie Mutter sind, anders? Bewusster? Oder immer noch nach Herzenslust und -laune?
Ich esse nach Herzenslust und -laune. Dann erschrecke ich mich, wenn ich auf die Waage gehe und dann faste ich. Ich bin nach wie vor ein extremer Mensch, daran hat sich nichts geändert. Fressen oder fasten – das funktioniert für mich am besten.

Wie sieht es mit der Ernährung Ihrer Kinder aus, achten Sie auf bestimmte Sachen? Manche Eltern geben ihren Kindern ja kein Zucker oder kein Fleisch…
Für meine Kinder gilt: Alles in Maßen. Sie essen Süßes, sie essen Fleisch. Sie essen ganz normal. Die Süßigkeiten werden versteckt, damit ich mehr habe.

Sie schreiben, „mit dem Kind wird einem automatisch ein schlechtes Gewissen mitgeliefert“ – wenn man es in fremde Betreuung gibt oder sich etwas Freiraum für sich selber schafft. Wird das Gewissen mit der Zeit irgendwann besser oder leiser?
Ich habe jetzt zwar erst sechs Jahre mit Kind durchlebt, aber ich habe eher den Eindruck, dass es schlimmer wird. Weil Kinder ja mit der Zeit mehr auch Persönlichkeiten werden, die ihre Bedürfnisse einfordern und artikulieren. Und die Bedürfnisse werden immer vielfältiger. Im Moment kommt es mir wirklich so vor, als ob es schlimmer wird, denn vor allem als berufstätige Mutter verpasst man immer etwas – nicht nur in ihrer Entwicklung, sondern man möchte ja schon dabei sein bei der ersten Ballettaufführung der Tochter oder beim ersten Fußballspiel des Sohnes und wenn man wirklich Vollzeit arbeitet, ist das unter Umständen nicht immer möglich.

Sie schreiben über ihren Respekt aber auch über Mitleid mit alleinerziehenden Frauen – was halten Sie von Frauen, die Kinder mit 30 Jahre älteren Männern kriegen? Nehmen diese nicht von Anfang an das große Risiko in Kauf, irgendwann alleinerziehend zu sein?
Also ich freue mich eigentlich über jedes Kind und ich halte mich absolut zurück mit Urteilen, Vorurteilen oder Verurteilungen. Es stimmt natürlich – ein Mann, der dreißig Jahre älter ist, erlebt im Zweifelsfall keine Enkel mehr. Aber meine Eltern zum Beispiel starben, da war ich 24, 25. Trotzdem lebe ich ganz gerne. Und eigentlich finde ich es sowieso eine Unverschämtheit, sich in diese Dinge einzumischen und sie zu verurteilen. Es ist immer gut, wenn die Leute Kinder kriegen.

Viele Partnerschaften gehen in den ersten Jahren nach der Geburt des Kindes in die Brüche – was ist Ihr Tipp, um die Beziehung trotz Karriere und Kindern lebendig zu erhalten?
Also ich bin keine Ratgeberin, aber das, was ich lese ist, dass man sich Auszeiten nehmen soll, sich auf den Partner konzentrieren, immer mal was zu zweit machen und so weiter. Herzlichen Glückwunsch, wenn es klappt. Ich für meinen Teil arbeite noch daran und fühle mich auch nicht berufen, Tipps zu geben, denn ich mache selber zu viel falsch.

 

"Ich habe ausgewiesene Mütter-Freundinnen"

 

Wie steht es um Ihre Freundschaften zu Kinderlosen? Haben diese sich verändert, seit Sie Mutter sind?
Sehr wenig. Und darauf lege ich auch viel Wert. Ich habe Freundinnen, mit denen ich nicht über meine Kinder spreche, es sei denn es beschäftigt mich gerade ein dringendes Problem – dann spreche ich ja auch mit meiner Single-Freundin über meine Ehe. Ich habe ausgewiesene Mütter-Freundinnen, mit denen diskutiere ich gerne Durchfall, Windeln, Kita-Probleme – das finde ich großartig! Aber das Verhältnis zu meinen kinderlosen Freundinnen hege und pflege ich. Wir gehen aus und trinken, sie sind spontan und man kann sie am Wochenende treffen, das finde ich super. Ich bin sehr froh, dass sich das eigentlich nicht geändert hat.

Wie war es, als sie Ihre Kinder das ersten Mal mit dem Babysitter alleine gelassen haben?
Also was ich meiner Meinung nach von Anfang an richtig gemacht habe ist, meine Kinder ziemlich schnell nach dem Abstillen „abzugeben“ – an Patenonkel, die Oma, dann mit dem Vater natürlich allein gelassen. Dieses emotionale Monopol habe ich überhaupt nicht für mich eingefordert und das kann ich eigentlich auch nur allen Müttern raten: Das Kind so bald wie möglich an einen Babysitter zu gewöhnen, dem man vertraut. Ich habe ziemlich früh damit angefangen und eben mit Leuten die ich gut kannte, denen ich sehr vertraut habe. Und das hat sich als absoluter Segen erwiesen. Weil wir dadurch flexibel geblieben sind und meine Kinder noch andere Bezugspersonen haben – was gut für alle Beteiligten ist.

Können Sie Frauen verstehen, die sich nicht trauen, diesen Schritt zu machen?
Ich kann jede Frau verstehen. Es gibt Frauen, die diesen Schritt wirklich nicht schaffen, weil es ihnen emotional zu viel abverlangt. Das ist dann halt so. Aber ich finde, einen Versuch ist es auf jeden Fall wert, denn man entlastet sich und die Kinder letztlich auch. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Einfach etwas warten und erneut probieren.

Haben Sie noch Ihre Zweitwohnung in Berlin?
Nein, schon lange nicht mehr.

Wünschen Sie sich manchmal, Sie hätten sie noch?
Nein. Weil es nicht mehr praktikabel ist. Also ich bin jetzt tatsächlich dabei, mir für den nächsten Roman ein Doppelleben zu bauen, welches mit der Familie kompatibel ist. Das ist aber nicht in Berlin – und mehr kann ich nicht sagen, weil es doch noch geheim ist.
 

"Kinder sollen sich auch mal langweilien"


Glauben Sie, dass Sie als Schriftstellerin Ihren Kindern die Liebe zur Sprache mit in die Wiege gelegt haben? Gehen Sie anders an Lesen und Literatur heran als andere Eltern?
Das bleibt abzuwarten. Es ist ja immer nicht so sicher, was vererbt wird oder von welcher Oma oder Ur-Oma sich da irgendein Talent durcharbeitet. In unserem Alltag spielt Sprache natürlich eine relativ große Rolle, das wird meine Kinder wahrscheinlich beeinflussen. Hoffe ich. Aber da wage ich jetzt noch keine Prognose.

Wie fördern Sie Ihre Kinder? Haben Sie bei der Auswahl der Kita auf das pädagogische Konzept geachtet oder waren Sie nur froh, überhaupt einen Platz bekommen zu haben?
Ich war froh, einen Platz bekommen zu haben und ich habe sowieso den Eindruck, dass da ein bisschen viel Buhei betrieben wird. Ich wohne in einem Stadtteil, in dem gibt es keine schlechten Kitas und glaube sowieso nicht, dass die städtischen Kitas in Hamburg schlecht sind. Mit „Wie fördern Sie Ihre Kinder?“ bin ich ein bisschen zurückhaltend. Im Zweifelsfall zu viel. Gerade jetzt bin ich dabei, das Nachmittagsprogramm von meinem Großen runterzuschrauben. Weil auch ich immer wieder meine „Hach, und dieses muss er noch. Und jenes noch…“. Es gibt ja auch ganz viele tolle Angebote! Und auf einmal ist kein Nachmittag mehr frei. Bei der ganzen „Förderung“ vergisst man leicht, dass es Kinder sind. Und Kinder sollen auch spielen und sich vor allen Dingen auch mal langweilen. Wie sollen sie denn sonst lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen und ihre eigene Kreativität zu entfalten? Das tun sie halt nicht, wenn jeden Nachmittag Programm ist.

Spielt ihr Großer schon ein Instrument oder lernt eine Fremdsprache?
Nein. Aber mit dem Instrument treffen Sie einen wunden Punkt, weil ich natürlich denke, er müsste längst Klaviervirtuose sein. Fremdsprache? Ich glaube, in der Kita gibt's irgendwie Englisch. Das passiert aber nicht auf mein Betreiben hin. Wenn Sie in die Schule kommen, vergessen Sie es eh. Er macht Sport und das finde ich auch sehr wichtig.

Und zu guter Letzt bitte einen Tipp von Mutter für Mütter: Das beste Mittel, um Kindergesichter von festgetrocknetem Kita-Schnupfen zu säubern?
Festgetrockneter Kita-Schnupfen… Keine Rücksicht nehmen auf Geschrei, ran mit dem Feuchttuch, rubbeln und dann ist es weg und auch schnell vorbei. Oder einfach dran lassen bis er von selbst abfällt – ist auch immer schön.

Ildiko von Kürthy
"Unter dem Herzen"
ab 17.08.2012 bei Wunderlich

Hardcover, 304 Seiten
ISBN: 978-3-8052-5043-6

14,95 €